Glaubt man dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush, dann läuft im Irak alles nach Plan. Es gibt zwar "Hindernisse", aber dem Sieg der liberalen Vernunft steht nichts mehr im Wege. Ein Interimspräsident ist gewählt und eine Übergangsregierung ernannt. Die Operation "Irakische Demokratie", die bis zu siebentausend Zivilisten, ungezählten irakischen und 800 amerikanischen Soldaten das Leben kostete, strebt ihrer Vollendung entgegen.

Der Erfolg, den Bush im Rhythmus der in Bagdad explodierenden Autobomben beschwört, ist nicht nur politische Rhetorik. Es ist das, was man in den Vereinigten Staaten "silencing" nennt, das Beschweigen der Realität und das Zum-Schweigen-Bringen ihrer Kritiker. Der Präsident geht zur Tagesordnung über, weil er die Wahrheit gar nicht aussprechen darf: die nämlich, dass seine demokratische Mission ein Desaster ist und die Kriegsverbrechen in Abu Ghraib Amerika moralisch "ins Herz getroffen haben" – jenen gentle civilizer, der für sich in Anspruch nimmt, der Welt Freiheit und Demokratie zu schenken. Die Folterbilder, so die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag, "das sind wir".

Susan Sontag ist unerbittlich mit ihrem Land, aber sie untertreibt. Die Verachtung, die der Bush-Administration weltweit entgegenschlägt, trifft nicht nur die Autorität Amerikas, sie trifft das Ansehen des westlichen Liberalismus im Ganzen – seine Vernunft, mit der er die Welt aufklären, seine Moral, mit der er sie eines Besseren belehren will. Warum? Weil Amerika der Vorreiter des Westens ist und alle entscheidenden Werte mit ihm teilt. Viele, die den Angriffskrieg auf den Irak abgelehnt hatten, waren gleichwohl davon überzeugt, der von den Vereinigten Staaten verkörperte Liberalismus besitze trotz aller Rechtsbrüche "im Grunde seines Herzens" eine normative Wahrheit, auf die sich alle, der ganze Westen, berufen dürfen. Die Statue of Liberty schwebt über allen.

Das Selbstvertrauen in das universale Modell des Westens zeigt nun tiefe Risse. Mag das amerikanische Fiasko in arabischen Gesellschaften nur einem alten Hass neue Nahrung geben – in den westlichen Gesellschaften schürt es das Unbehagen an der eigenen Kultur, den Zweifel, ob die Moderne wirklich modern und ihre Vernunft wirklich vernünftig ist.

Keiner wird das Wort "Menschenrechte" noch so unbefangen aussprechen wie früher. Wer wird noch unterscheiden zwischen den Wohlmeinenden, die Diktatoren das Handwerk legen wollen – und jenen Politikern, die "humanitäre Interventionen" für imperiale Interessen missbrauchen? Ist nicht die Bill of Rights nur noch ein Stück Papier, auf dem amerikanische Konzerne ihre Forderungen diktieren? Und klingt der Aufruf zu mehr "Kosmopolitismus" nicht endgültig wie Begriffskitsch, angerührt unterm Gipshimmel einer akademischen Anstalt?

Die US-Armee als bewaffneter Arm der liberalen Vernunft

Um zu spüren, welches Weltbild zu Bruch gegangen ist, genügt ein kurzer Blick zurück. Nach dem Fall der Mauer glaubte die kompakte Majorität der Politiker und Intellektuellen, die Geschichte sei "im Wesentlichen" abgeschlossen. Die totalitäre Nacht im Osten endet, und die Morgendämmerung des Liberalismus beginnt. Kaum einer, der Anfang der neunziger Jahre nicht davon überzeugt war, nach einigen Übergangsscharmützeln würde, wie zerbrechlich auch immer, eine Weltinnenpolitik entstehen, die der Menschheit beschert, worauf sie seit Anbeginn der Zeiten gewartet hat: den Frieden.

Bei allen Differenzen zwischen Neokonservativen und Liberalen, so stimmten sie damals in einem entscheidenden Punkt überein: Politische und religiöse Widerstände würden in dem Maße verschwinden, wie sich die majestätischen Werte des Liberalismus, Ökonomie und Freiheit, weltweit durchsetzten.