irak Auf Entgiftungskur
Europäer und Amerikaner wollen ihr Irak-Zerwürfnis überwinden
Nicht erst das gemeinsame Gedenken auf den Schlachtfeldern der Normandie hat Europäern und Amerikanern deutlich gemacht, welch hohen Preis der Westen zahlen würde, ließe er das Zerwürfnis über den Irak nicht endlich hinter sich. Seit Monaten bereits war zu spüren, dass alle – Amerikaner und Briten auf der einen, Deutsche und Franzosen auf der anderen Seite – den Weg zurück zu Normalität und vertrauter Zusammenarbeit suchten.
Mehr als jeder frühere Dissens hat der Irak-Krieg das westliche Bündnis vergiftet. Diesmal ging es um die ganz großen Fragen. Macht und Legitimität, Bedrohungs- und Wertegemeinschaft, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit – kurz: um die künftige Handlungsfähigkeit der Allianz im Kampf gegen Terrorismus. An der aber sind Bush und Blair, Schröder und Chirac gleichermaßen interessiert. Also muss der Streit um den Irak, wenn schon nicht ausgeräumt, so doch entschärft werden.
Helfen sollte dabei die UN-Resolution zur Wiederherstellung der Souveränität des Iraks, die am Dienstagnachmittag im Sicherheitsrat zur Abstimmung stand – nur Stunden, bevor sich auf Sea Island im US-Bundesstaat Georgia die Führer der G8-Staaten trafen. Dort stand der Plan einer Demokratisierung des Nahen Ostens („Broader Middle East Initiative“) auf der Tagesordnung; nach dem Wunsch der Amerikaner sollte das Thema Irak zuvor erledigt sein.
Deshalb sind sie den Kriegsgegnern Russland, China, Frankreich und Deutschland weit entgegengekommen. Erstmals nannten sie ein Datum für den Abzug ihrer Truppen (nach Bildung einer aus freien Wahlen hervorgegangen Regierung Ende 2005/Anfang 2006); sie räumten der „souveränen“ irakischen Übergangsregierung das Recht ein, den vorzeitigen Abzug der Besatzungstruppen zu verlangen; sie gestanden der neuen Führung in Bagdad ein Mitspracherecht bei größeren militärischen Einsätzen zu.
Aber war damit die „volle Souveränität“ garantiert, die Jacques Chirac beim Treffen mit George Bush am Vorabend der Normandie-Feiern noch einmal verlangt hatte? Gesprächspartner aus Washington antworten auf diese Frage mit einem feinen Lächeln: „Können uns die Iraker bitten zu gehen? Im Prinzip, ja. Aber es ist ziemlich klar, dass das selbstmörderisch wäre. Und es gibt keine Anzeichen für selbstmörderische Tendenzen aufseiten der irakischen Behörden.“ Souveränität sei unteilbar, es gebe sie nur ganz oder gar nicht, gewiss. Aber niemand könne doch wollen, dass eine nicht gewählte, sondern nur „ernannte Regierung sich ein Land unter den Nagel reißt“.
In diesem pragmatischen Geist wollte man sich im Sicherheitsrat finden: Die einen versprachen eine Souveränität, die sie in Wahrheit der von ihnen eingesetzten Führung nicht konzedieren; die anderen riefen nach ihr, obwohl ihnen klar ist, dass ein zu früher Truppenabzug im Irak eine neue Welle der Gewalt auslösen würde.
Der Pragmatismus reicht bis in die Bagdader Regierung selbst hinein. Denn während der neue Außenminister vor dem UN-Sicherheitsrat für einen Verbleib der ausländischen Truppen plädierte, verlangte der neue Präsident Ghasi al-Jawar deren baldigen Abzug. Er werde den Amerikanern sagen, kündigte der sunnitische Stammesführer an: „Danke, Freunde. Nun müsst ihr gehen.“ Die Amerikaner werden schon wissen, warum sie eigentlich den Exaußenminister Adnan Patschatschi zum Präsidenten machen wollten.
- Datum 09.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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