Zum Fürchten gut
Wilhelm Genazino und die Krise der Literatur
Verzeihen Sie, schreibt uns unsere Leserin Frau G. aus Wiesbaden, aber sie blicke in der Flut der Veröffentlichungen nicht durch. Sie wisse nicht mehr, wonach sie sich richten könne. Stuckrad-Barre habe sie gelesen, und obwohl es offenbar noch immer Leute gibt, die meinen, dass die schiere Affirmation der Welt heutzutage schon eine dadaistische und kritische Angelegenheit sei, hält ihn Frau B. doch eher für einen Kolumnisten. Christian Kracht findet sie grauenhaft, den hält sie nur zwei Seiten lang durch. Juli Zeh erscheint Frau G. zwar nicht unbegabt, aber doch immer knapp neben der Spannung. Falls wir, bittet uns Frau G., einen Buchtipp hätten, wäre sie uns sehr dankbar.
Das hat uns durchaus in Verlegenheit gebracht. Wie lange ist es her, dass wir einen deutschsprachigen Gegenwartsautor mit Begeisterung gelesen haben? Was sollten wir Frau B. raten, wenn wir selber finden, dass die meisten Debüts der Saison das sprachliche Niveau von Else Urys Nesthäkchen nicht annähernd erreichen? Dass die jungen Autoren schreiben, als verbrächten sie ihr Leben in einem verregneten Dauerurlaub. Dass ihre Figuren keine Physis und keinen Erfahrungsraum haben. Dass sie sich das bisschen Welt in ihren Büchern lieber aus dem Fernsehen als aus dem Leben besorgen und ihre Figuren zwar alle möglichen Nöte, aber niemals die des Broterwerbs, der Kinderaufzucht oder ähnlicher Unzumutbarkeiten zu durchleiden haben. Denn am Leben der Erwachsenen nimmt die jüngere deutsche Gegenwartsliteratur nicht teil. Dazu kann man sie im Namen des deutschen Literaturfonds nur beglückwünschen, ihren Büchern indes ist diese endlose Verlängerung der Kindheit nicht bekömmlich.
Roman mit Lohnsteuerkarte
Von einer Krise der deutschen Gegenwartsliteratur zu sprechen, liebe Frau G., ist angesichts dieses Bücherfrühlings also fast noch eine Untertreibung. Um so erfreulicher ist es, dass die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt uns gerade in diesen Tagen zur Seite steht und den renommierten Büchner-Preis an einen Autor verleiht, den auch wir Frau G. rückhaltlos empfehlen können. Der neue Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino, geboren 1944 in Mannheim, schreibt seit nahezu 40 Jahren und wurde die längste Zeit seines Lebens missverstanden. Zunächst von der Welt, den Eltern und den Frauen, wie sein jüngster und bester, autobiografisch gefärbter Roman Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman verrät. Später von der Kritik, die in den siebziger Jahren seine Romantrilogie Abschaffel allzu umstandslos als Angestelltenroman abtat und die Trostlosigkeit der sockenwaschenden Junggesellenexistenz der Hauptfigur einzig dem Konto „Literatur der Arbeitswelt“ gutschrieb. Dabei verriet schon die Abschaffel- Trilogie die große Kunst des Frankfurter Autors, eine nahezu Pascalsche Verlorenheit ins Bundesrepublikanische zu übersetzen, wenn man so will: der transzendentalen Obdachlosigkeit eine Lohnsteuerkarte zu verpassen.
Das bundesdeutsche Biedermeier, das ansonsten allein in Martin Walsers Zuständigkeit zu fallen scheint, nimmt in den Augen Genazinos diabolische Züge an. Seine Helden – allesamt aus dem kleinbürgerlichen Kommunikationskonsens gefallene Sonderlinge in der Tradition des französischen Junggesellenromans – reiben sich wund an der „Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens“, zu der sie den hippen, affirmativen Zugang zum Glück des Lesers nicht finden können. Warum, fragen sie sich Mal um Mal, haben wir diese Möbel? Diese Lampen? Diese eng am Leib sitzenden mediokren Berufe? Dieses ganze staubige Leben, von dem nicht zu begreifen ist, „wie es von der großen Mehrheit aller Menschen so problemlos angenommen wird“?
Erst seit dem herrlichen kleinen Roman Ein Regenschirm für einen Tag, in dem sich ein weiterer Genazinoscher Lebensdienstleistender Herz und Füße beim Spazierenführen englischer Luxusschuhe wund läuft, hat Genazino den Erfolg gefunden, der ihm gebührt. Wilhelm Genazino, liebe Frau G., beschreibt die deutsche Wirklichkeit zum Fürchten gut. Und er glaubt noch an die Zeiten, in denen das Fürchten geholfen hat. Wenn auch nur der Literatur. Aber danach fragten Sie ja. Ihre Iris Radisch
- Datum 09.06.2004 - 14:00 Uhr
- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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