"Die Entdeckungen, welche unsre europäischen Seefahrer in fernen Meeren und auf entlegenen Küsten gemacht haben, geben uns ein ebenso lehrreiches als unterhaltendes Schauspiel. Sie zeigen uns Völkerschaften, die auf den mannichfaltigsten Stufen der Bildung um uns herum gelagert sind, wie Kinder verschiednen Alters um einen Erwachsenen herumstehen, und durch ihr Beispiel ihm in Erinnerung bringen, was er selbst vormals gewesen und wovon er ausgegangen ist."

Friedrich Schiller sprach diese Sätze 1789, als er seine Geschichtsprofessur in Jena antrat. Sie wirken nach im Kopf jedes Europäers, der in arme Länder reist; sie wirken nach, ob er es nun merkt oder nicht. Wenn ein Europäer in Entwicklungsländer reist, ist er ein Erwachsener unter Kindern. Dafür sorgt sein Geld, gegen welches die einheimische Währung Zwergengeld ist. Dafür spricht der Zustand seines Gebisses, das den Säuglings- und Greisengebissen der Einheimischen an Kraft überlegen ist. Davon zeugt seine Lebenserwartung, die jene der Einheimischen überragt.

Jedoch, wenn man etwa nach Bolivien reist, 21 Flugstunden nach Westen, stellt man fest, dass hier der Europäer als ein Wesen gilt, das nur durch Raub so kräftig wurde. Viele halten ihn, um bei Schiller zu bleiben, für einen Erwachsenen mit perversen Motiven, einen Kinderschänder.

Stimmen von La Paz: "Wir schämen uns nicht mehr, indianisch zu sein. Europa wäscht uns nicht mehr das Gehirn!" – "Fasziniert von den bärtigen europäischen Männern, glaubten wir 500 Jahre lang, nur sie könnten den Fortschritt bringen. Jetzt haben sie keine Macht mehr über uns." – "Europa hat den Kontakt zur Natur, zu den Ahnen, zum inneren Reichtum verloren."

Hier geschieht etwas Seltenes: Es kommen Menschen indianischer Abstammung zu Wort. Angehörige der Quechua, der Aymara, der Guarani. Sie machen zwar 65 Prozent der bolivianischen Bevölkerung aus, aber ihre Teilhabe am Wohlstand ist minimal, und in der Regierung hatten sie nie etwas zu sagen. Die Macht ist seit Jahrhunderten in Händen der Criollos (der spanischstämmigen Weißen); sie stellen 8 Prozent der Bevölkerung.

Wir befinden uns auf einer "Fortschrittskonferenz" in La Paz. Deutsche Organisationen laden ein, das Goethe-Institut und die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Ähnliche Veranstaltungen gab es in den vergangenen Wochen in Ägypten und Indien; Kongresse in Namibia und Russland werden folgen. In Berlin soll dann gebündelt werden, was rund um die Welt diskutiert wurde. Auch das ist, so könnte man meinen, ein Entwurf von Schillerscher Anmaßung: Die Erwachsenen breiten zu Hause aus, was sie auf ihrer Reise durch die Kinderwelt gesammelt haben.

Ungeborene Lamas bringen den Menschen Glück