reproduktionsmedizin Babysehnsucht

Wie ein Paar die Risiken und Nebenwirkungen einer In-vitro-Fertilisation durchlebt

Am schlimmsten ist die ständige Angst, sagt Clara Becker. „In den entscheidenden Tagen ist jeder Gang auf die Toilette seelische Folter“, seufzt die 32-Jährige. „Du denkst immer nur: Bloß keine Blutung, bitte kein Blut.“ Denn eine Menstruation bedeutet wieder keine Schwangerschaft, einen neuen Tiefschlag für die Apothekerin und ihren Mann Wolfgang.

In letzter Zeit sähen sie nur noch Babys, sagen die Beckers: Auf der Straße. Im Fernsehen. Im Bekanntenkreis. Nichts wünscht sich das Ehepaar aus Nordrhein-Westfalen so sehr wie ein eigenes Kind. Dreimal haben sie bereits versucht, durch künstliche Befruchtung zu einem Baby zu kommen. Wolfgang produziert zu wenige Spermien – und die sind auch noch zu träge, um sich mit den gesunden Eizellen zu vereinigen. Daher hat Clara wochenlang Hormone gespritzt und damit peinigendes Druckgefühl in den Brüsten, auf doppelte Größe geschwollene Eierstöcke und dann die Schmerzen nach der Entnahme der Eizellen auf sich genommen. Er hatte ihre Stimmungstiefs zu ertragen: Als sich die Hormonschwankungen bemerkbar machten; als die Ungewissheit nach dem Wiedereinsetzen der befruchteten Eizellen immer quälender wurde; und vor allem am Ende, als sie doch wieder Blut sah.

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„Unsere Sterilität ist eine gemeinsame Krankheit, die wir als Paar auch gemeinsam ausstehen müssen“, sagt sie. Und beide sind überzeugt, dass sich diese Krankheit in Deutschland nicht optimal behandeln lasse. Die Erfolgsquoten künstlicher Befruchtung seien in kaum einem europäischen Staat so niedrig wie hierzulande. Nur rund ein Viertel der Versuche, ein Retortenbaby zu zeugen, klappe tatsächlich. Der Österreicher Herbert Zech verspricht etwa doppelt so hohe Raten: 48 Prozent aller künstlichen Befruchtungen führten in seiner Klinik in Bregenz zur gewünschten Schwangerschaft. „Wir werden regelrecht überschwemmt von Anfragen aus Deutschland“, berichtet er. Jährlich kämen etwa 1500 deutsche Frauen zu ihm, fast zehn Prozent aller Patientinnen des Nachbarlandes. Zech leitet drei weitere Kliniken in Italien, Tschechien und der Schweiz und ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie.

Nur Siegerembryonen zählen

Sein Erfolgsrezept heißt Blastozystentransfer. Diese Technik beruht auf einer längeren, rund fünf Tage dauernden In-vitro-Kultur der Embryonen. Diese nehmen dann nach vielen Zellteilungen die Form einer brombeerähnlichen Hohlkugel ein, Blastozyste genannt. Da die meisten Embryonen dabei zugrunde gehen, gilt die Zucht von Blastozysten als ethisch anstößige „Selektion“ und ist in Deutschland, Italien und in der Schweiz verboten. Hierzulande ist nur die Kultur von maximal drei Embryonen pro Zyklus gestattet, und diese werden meist nach zwei bis drei Tagen in die Gebärmutter transferiert. Zech hingegen schickt das Doppelte bis Dreifache an Embryonen ins Rennen und setzt auf Siegertypen: „Bei einem Hundertmeterlauf wird man auch nicht nach zehn Metern den Sieger bereits festlegen, sondern eben erst am Ziel.“ Sieger seien jene Embryonen, die sich bis zur Blastozyste entwickelten. Der Blastozystentransfer ermögliche höhere Schwangerschaftsraten als die Übertragung von Embryonen nach deutschen Vorschriften – und deshalb kommen die Frauen in hellen Scharen ins liberalere Österreich.

Auch die Beckers sind nach Bregenz gefahren. Nur wenige Kilometer hinter der deutsch-österreichischen Grenze lässt Zech seine Klinik gerade ausbauen. Doch von Lärm oder Hektik ist dort nichts zu spüren: „It’s a human sign when things go wrong“, erklingt es aus den Lautsprechern des lichtdurchfluteten Wartezimmers mit Seeblick. Geduldig warten die Patienten, fast alle Deutsche oder Schweizer.

Nach fünftägiger Kultur im Brutschrank wählt Zechs Laborchefin Astrid Stecher unter dem Mikroskop die beiden chancenreichsten Blastozysten aus, überzählige werden für etwaige spätere Verwendung eingefroren. Eine hohe Zahl und ein symmetrischer Aufbau der Zellen sind ihre Auswahlkriterien; genetische Untersuchungen nimmt sie nicht vor. „Wir machen nicht mehr, als die Natur auch tut“, sagt die Biologin. „Nur verzichten wir darauf, den Frauen todgeweihte Embryonen einzupflanzen.“

Wer nicht fragt, bleibt dumm

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