Kinder mit dem so genannten Angelman-Syndrom wirken auf den ersten Blick heiter. Sie lachen häufig und scheinbar unmotiviert, gelten deshalb auch als happy puppets, glückliche Puppen. Tatsächlich leiden sie jedoch meist unter schweren Fehlentwicklungen. Sie haben fortschreitende Krampfanfälle, sind geistig behindert und lernen nicht sprechen. Die Krankheit, die vor Ablauf des ersten Lebensjahres kaum auffällt, ist selten. Eine bestimmte Variante des Angelman-Syndroms kommt sogar nur etwa einmal auf 375000 Geburten vor. Umso überraschter waren Humangenetiker, als sie eine Häufung von gleich drei Angelman-Fällen dieser Art entdeckten – zwei davon in Deutschland – und feststellten, dass alle Kinder durch künstliche Befruchtung zur Welt gekommen waren.

Selten ist auch das Beckwith-Wiedemann-Syndrom, durchschnittlich kommt ein Fall auf etwa 12000 Geburten. Die Babys leiden unter Riesenwuchs, der zu vergrößerten Organen und erhöhter Tumoranfälligkeit führt. Im vergangenen Jahr stellten Mediziner in den USA, in Großbritannien und Frankreich fest, dass in allen drei Ländern auffällig viele Babys mit Beckwith-Wiedemann-Syndrom im Labor gezeugt wurden. Insgesamt wurden 19 riesenwüchsige Babys nach In-vitro-Fertilisation (IVF) oder künstlicher Injektion eines Spermiums ins Ei (ICSI) entdeckt. Statistisch zu erwarten wären etwa fünf Fälle.

Seltene Defekte als Alarmsignal

Sind dies erste Anzeichen für möglicherweise fatale Konsequenzen der künstlichen Befruchtung? Gewiss lässt sich mit so geringen Zahlen keine seriöse Statistik betreiben. Zu Recht verweisen die Verfechter der In-vitro-Fertilisation auf ein Vierteljahrhundert Erfahrung und mehr als eine Million überwiegend gesunde Menschen, die dieser Technik ihr Leben verdanken. Dennoch werten Reproduktionsmediziner und Genetiker die seltenen Fälle als Alarmsignal. Sie befürchten, dass bei künstlichen Befruchtungen mehr schief gehen könnte als bisher angenommen.

"Mehrere innerhalb kürzester Zeit publizierte Beobachtungen lassen es nun möglich erscheinen, dass spezifische (…) angeborene Syndrome nach IVF und ICSI vermehrt auftreten", heißt es in einem Übersichtsartikel im Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie, dem offiziellen Organ von acht Fachgesellschaften. Die jetzt beobachteten Fehlbildungen seien "möglicherweise nur die Spitze des Eisberges".

Als Ursache gelten nicht etwa klassische Erbgutschäden durch die künstliche Befruchtung, sondern so genannte Imprinting-Defekte. Soll heißen: Die Steuerung beziehungsweise Prägung ("Imprinting") der Gene läuft falsch. Denn für eine gedeihliche Entwicklung neuen Lebens müssen zahlreiche Gene wie die Instrumente eines riesigen Orchesters zeitlich präzise an- und ausgeschaltet werden – sonst entstehen Fehlbildungen, die tödlich sein können. Epigenetik ("Übergenetik") heißt der relativ junge Forschungszweig, der sich damit befasst. Es zeigt sich, dass fast alle Gene in der frühen embryonalen Entwicklung an- und ausgeschaltet werden – und dass Embryonen in dieser Phase deshalb äußerst empfindlich sind.

Darauf weist auch der Tiermediziner Heiner Niemann vom Institut für Tierzucht in Mariensee bei Hannover hin. Er warnt schon seit Jahren, dass die künstliche Befruchtung außerhalb des Mutterleibs Imprinting-Defekte verursachen kann. "Für uns ist es schlüssig, dass assistierte Reproduktionstechniken bei Mensch und Tier Nebenwirkungen haben", sagt Niemann. Als Hauptgrund nennt er die künstlichen Bedingungen, unter denen der Embryo mehrere Tage lang in vitro heranreift, bevor er in den Mutterleib verpflanzt wird. "In natürlicher Umgebung gibt es einen steten Austausch und Wechsel von Nähr- und Signalstoffen zwischen Mutter und Embryo." In der Kulturschale hingegen schwappt der Embryo immer in derselben Flüssigkeit, und falls diese gewechselt wird, kann das mehr schaden als nützen.

Niemann konnte an Rindern studieren, was beim Menschen undenkbar wäre: "Wir haben Embryonen unter möglichst gleichen Bedingungen erzeugt, gleiches Alter, gleicher Bullensamen et cetera. Dann haben wir gemessen, wie sich die Aktivität der Gene in natürlicher Umgebung, in utero, unterscheidet von den Genaktivitäten in vitro. Dabei haben wir erhebliche Unterschiede für fast jedes gemessene Gen festgestellt."