Das war so ein bezeichnendes norddeutsches Regen- und Matschspiel, und zur Pause stand es 0:3, Anderlecht hatte knochentrocken zugeschlagen. Freund Frank B., in Bayern-Bettwäsche aufgewachsen, zog erstaunt die Brauen hoch: Das sind also deine gepriesenen Bremer, dein Otto Rehhagel!

In dieser Pause rauchte Dr. Böhmert, der verzweifelte Werder-Präses, das Doppelte seines sowieso schon gewaltigen Quantums, das Ganze sei eine ungeheure Blamage, vor einem Millionen-Fernsehpublikum, entsetzlich; warum die da links immer so durchmarschierten, fragte ich leise die kundige Trainerfrau Beate. Das werden wir gleich sehen, erwiderte sie etwas schnippisch, was Otto da wohl macht. Anpfiff zu einer der wundersamsten Halbzeiten, die je zu sehen waren: Der Trainer wusste was, nahm Herzog raus, stellte Wolter hinter Basler. Der pfeilschnelle Bratseth rückte ins Mittelfeld, verteilte die Bälle und kurbelte unermüdlich an der Angriffsmaschine. Den Anderlechtern blieb vor Staunen die Luft weg: Die Bremer rannten jedem Ball hinterher, ackerten wie die Brunnenputzer, die Luft brannte lichterloh in Grün-Weiß. Eine grandiose Mannschaft mit einem grandiosen Rufer in der Spitze. Und dieses Bremer Publikum! Das sang und rief und heulte und jaulte, ließ keinen Zweifel, in welchem Netz nun die Kugel mindestens viermal zappeln müsste. Nun, der Ball landete fünfmal hinter der belgischen Linie, und das Spiel war aus! So was hat man lange nicht gesehen, so schön! Der bayerische Frank hielt auf der nächtlichen Heimfahrt sein münchnerisches Lästermaul, dank Otto, dem Wundermann von der Weser.

Im Pott ist er aufgewachsen, fuhr als Junge noch wie sein Vater unter Tage ein, lernte dann Maler und zog seinem Gesellen auf dem Leiterwagen die Farbeimer hinterher. Am Abend trainierte er im Schatten der Schlote bei TUS Helene Essen, einem der vielen Werksvereine des Reviers, und bald spielte er bei Rot-Weiß. Ein beinharter Verteidiger, der noch dem legendären Torwart Fritz Herkenrath den Vorgarten ausputzte. Der kennt das Geschäft von der Pike auf, schwärmt heute noch der frühere Nationaltorwart Wolfgang Fahrian, der weiß halt alles vom Fußball, der erkennt jeden Spieler, weiß sogleich um dessen Schwächen und Stärken, der hat den Blick!

Lehrreiche "hire & fire"-Reise durch die Provinz

Die Liste seiner Entdeckungen ist lang. Sie reicht von Burgsmüller, Riedle, Völler über Bode, Bratseth, Ballack, Klose bis zum perfekten Wynton Rufer. Und das sind längst nicht alle! Viele wurden später Trainer wie Völler und Schaaf, andere Manager wie Assauer und Allofs. Schaaf und Allofs, Mitglieder der Meistermannschaft von 93, führen Werder nun wieder zu altem Ruhm.

Zuletzt gespielt hat Rehhagel in Kaiserslautern, neben Atze Friedrich, dem späteren Präsidenten. Jahrzehnte danach gelang ihm und diesen Pfälzern ein einzigartiges Meisterstück, unvergleichlich: Er führte die gerade Abgestiegenen aus der zweiten Liga in einer beispiellosen Parforcetour wieder in das Oberhaus zurück und sogleich zum Meistertitel. Da blieb nicht nur den Pfälzern das Maul offen stehen, ganz Fußballdeutschland kriegte die Klappe nicht mehr zu, auch der FC Beckenbauer nicht.

Wie kam das und wie fing das an? Zuerst war Rehhagel Trainer in Saarbrücken, von dort ging es nach Offenbach, dann rettete er Bremen, zog nach Dortmund, Bielefeld, Düsseldorf, mit der Fortuna holte er 1980 den Pokal. Dann wieder zurück nach Bremen. Er hat auf dieser hire & fire- Reise durch das deutsche Fußballflachland gelernt, auf das Umfeld zu achten, die Trainerbank als seinen unangefochtenen Platz zu verteidigen, hat viele eitle Präsidenten kennen gelernt, provinzielle Quatschköpfe und arrogante Besserwisser, und das nicht nur 90 Minuten lang. Als er nun zum zweiten Mal nach Bremen kam, war alles das genau abgestimmt mit dem Präsidenten Böhmert und Manager Lemke, dem heutigen Bremer Senator. Er hatte auf einmal Luft und Zeit, sie ließen ihn ungestört arbeiten, und in seinen Mannschaften tummelten sich bald Nationalspieler aus vieler Herren Ländern. Rehhagel hielt Abstand, sah auf Anstand, Disziplin und Regeln, die jungen Leute hatten viel Respekt, aus dem oft genug Zuneigung und lang dauernde Verehrung wurden.

Das ging vierzehn Jahre gut, und er war ein Superstar im grünen Bremen und hätte ein Denkmal verdient, gleich neben den Stadtmusikanten. Dann aber rief Kaiser Franz, und König Otto wanderte in den Süden zu den Bayern, und das ging nicht gut. Rehhagel, der sich im Norden bei Werder seine Unabhängigkeit erarbeitet und mit vielen Titeln umkränzt hatte, wollte nicht nach Melodien tanzen, die andere ihm vorpfiffen.