USA Planet Pentagon
Nach dem 11. September 2001 wurde Donald Rumsfeld zum Helden Amerikas. Dem Verteidigungsminister wurde der Sieg in Afghanistan zugeschrieben. Siegessicher schickte er seine Truppen in den Irak – ohne Friedensplan. Jetzt erwarten die Spitzengeneräle den Rücktritt des Ministers. Innenansicht einer Kriegsbürokratie
Es sollte die zweite Pressekonferenz in sieben Wochen werden. So lange schon verschanzt sich Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in der fünfeckigen Burg mit Namen Pentagon. Sieben Wochen! So lange dauert die Krise wegen der Folterung der irakischen Gefangenen im Gefängnis von Abu Ghraib nun an. Eigentlich wäre es an der Zeit für eine Stellungnahme. Um halb zwei sollte die Pressekonferenz beginnen. Den ganzen Morgen hing die aufgeregte Frage in der Luft: Wird Rumsfeld selbst kommen, oder bleibt er wieder weg und schickt nur einen seiner Sprecher?
Die handverlesene Schar amerikanischer Reporter, die zu den Audienzen des amerikanischen Verteidigungsministers zugelassen sind und eine kleine Schreibtischzelle in einem Großraumbüro gegenüber dem Pressestab im Pentagon ihr Eigen nennen, wandert zu den Schnellrestaurants in der Eingangshalle. Auf der Speisekarte eines der Imbisse steht „Old Europe“ – Bratwürstchen nach deutscher Art.
Gleich zwei dieser Würstchen verspeist der Dienst habende Presseoffizier. Er wird nicht müde, den zunehmend übel gelaunten Journalisten zu versichern, das Pressebriefing werde an diesem Donnerstag auf jeden Fall stattfinden. Immerhin hat der irakische Übergangsrat im fernen Bagdad gerade einen Ministerpräsidenten gewählt, der alles andere ist als Amerikas Wunschkandidat. Noch immer eskaliert die Gewalt in einem offiziell beendeten Krieg. Themen gäbe es also genug, aber wo bleibt der Chef?
Nachdem Old Europe von den Tellern verschwunden ist, verkündet der Diensthabende nun plötzlich knapp: „No briefing today.“ Keine Konferenz, kein Wort. Das Pentagon würde die Öffentlichkeit am liebsten einfach vergessen.
Seit dem 11. September 2001 ist alles anders geworden im amerikanischen Verteidigungsministerium. Das fünfeckige Gebäude, von seiner Fläche her das größte Bürogebäude der Welt, war bis zu jenem Tag für jedermann offen. Es gab touristische Führungen. Wer einen der rund 23.000 Mitarbeiter im Hause besuchen wollte, musste sich dazu nur am Eingang mit seinem Führerschein ausweisen. Journalisten und Lobbyisten gingen, versehen mit einem Dauerausweis, ein und aus. Von der Metro-Station Pentagon führte eine Rolltreppe geradewegs in den äußeren, den größten der fünf „Ringe“. In diesem Ring E, in der dritten Etage, befand sich auch das Büro von Donald Rumsfeld.
Heute dürfen Touristen durch die Flure der Army, der Air Force, der Navy und der Marines, durch die Vorräume des Secretary of Defense, selbst durch die Halle der Helden nur noch auf einer virtuellen Visite im Internet streifen. Vor dem Eingang, hinter dem noch vor drei Jahren die Rolltreppe von der U-Bahn hochführte, steht jetzt ein neues Gebäude mit zahlreichen Sicherheitsschleusen. Nebenan befinden sich die Schnellimbisse sowie ganz normale Einkaufsläden und ein paar Souvenirshops, unter anderem das „Fort America“, wo Kriegsmemorabilien angeboten werden, auch ein Satz Pokerkarten mit den Konterfeis von Saddam Hussein und seinen Getreuen.
Wegen der Kontrollen kommt es jeden Morgen, wenn die Mitarbeiter zu Tausenden in das Gebäude strömen, regelmäßig zu Staus. Niemand murrt bei dem Check durch schwer bewaffnete Soldaten oder bei der Ausweiskontrolle durch einen zivilen Wachdienst. Die Strichcodemaschinen funktionieren oft nicht einwandfrei, sodass die Hausausweise nicht automatisch eingelesen werden können. Auch mit dem militärisch korrekten Grüßen klappt es nicht mehr so richtig. Der eine Soldat salutiert, der andere nicht, vermutlich sind die Vorschriften über das Grüßen in einer Warteschlange nicht eindeutig formuliert. Ansonsten geht es im Pentagon so zivil zu wie in jedem anderen Bürogebäude. Auf dem Weg zu ihren Abteilungen holen sich die Mitarbeiter noch einen Becher Kaffee im „Food Court“, kaufen einen Donut.
- Datum 09.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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