Musik Licht in die Gruft
Essen hat seinen alten Saalbau zu einer neuen Philharmonie umgebaut
Wer hier wohnt, sah lange vor lauter Dunst den nächsten Kirchturm nicht. Hier flog es schwarz aus den Kohleöfen, wer hierhin schaute, bekam eine staubige Ahnung vom Mythos des Industriezeitalters. Um zu begreifen, dass das Vergangenheit ist, muss man abermals himmelwärts blicken. Imperiale Konzernzentralen, aus Glas, Metall und ausladendem Stolz gefertigt, haben die Lufthoheit übernommen und dem Pott eine neue Markierung gegeben.
Zugleich darf es – das gebietet der geheime Kodex des Ruhrgebiets – keinen Fortschritt ohne das Gestern geben. Die Menschen hier hängen an allem, was sie mit der Vergangenheit verbindet. Und was ihnen einstmals den Atem nahm, ist jetzt Denkmal. Die Zeche als Naherholungsziel – für alle Zwecke offen. Diese stummen Offerten aus Stein und Ruß nutzte Gerard Mortier, als er die Veranstaltungen seiner Ruhrtriennale über Waschkauen, Gebläsehallen und Kokereien verteilte: Er versuchte den Mythos verblichener Orte mit unverblichener Kunst zu kombinieren.
Berthold Beitz bezahlt
So konnte es nur Ahnungslose aus der Fremde erstaunen, dass die Bürger der Stadt Essen, die sich als Schaltzentrale der Region begreift, vor Jahren per Volksentscheid verhinderten, dass ihr guter alter Saalbau, eine Kombination aus Konzertsaal und Mehrzweckhalle, abgerissen und durch eine vollkommen neue Philharmonie ersetzt wurde. Der Saalbau war eine trostlose wilhelminische Gruft, doch er hatte eine Geschichte; zuletzt wurde sie nur noch von Philatelistenbörsen und betrieblichen Weihnachtsfeiern fortgeschrieben.
Jetzt ist der historische Geist auf dem Wege der Kernsanierung und des „inneren Neubaus“ in Gestalt der neuen Essener Philharmonie wiederauferstanden. Helles Holz, Glas und Stahlträger, wohin man blickt. Drei seitliche Galerie-Etagen überkragen das parabolisch ansteigende Parkett, welches an der Rückseite von einem hochalpinen Rang abgefangen wird. 74 Millionen Euro wurden staatstragend verbaut. Der Entwurf stammt Kölner Büro Busmann und Haberer, das auch die Kölner Philharmonie gebaut hat. So viel Aufwand in Zeiten, da die Klassik ihren Sinkflug noch nicht beendet hat? Halt, sagen Essens Planer: Wenn der Alfried-Krupp-Saal nicht für Konzerte genutzt wird, macht ihn eine geräuschlose Hubmechanik für Kongresse und Bälle nutzbar.
In den Reden zur Eröffnung wurde viel von Geschichte gesprochen, doch auch vom neuen Glanz und von den Visionen, die ein ganzes Bundesland mit Essen und seinen Nachbarstädten verbindet. Ein Hanseat wie NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück buchstabiert in seiner Rede lakonisch seine gereimte Weisheit: „Ruhrgebiet ist Kulturgebiet.“ In der Tat, sieben Millionen Menschen sind hier von Kunststätten und -schaffenden schier umzingelt, an fast jeder zweiten Straßenkreuzung spielt ein Sinfonieorchester, die nächsten Konzertsäle sind von Essen aus nur wenige Autominuten entfernt. 13 Kilometer sind es nach Gelsenkirchen, 16 nach Bochum, 21 nach Duisburg, 34 nach Düsseldorf und 37 nach Dortmund. Eine Vollversammlung von Sälen, eine Politik der Kirchtürme.
Wer hier gegen die Konkurrenz mithalten möchte, greift zum bewährten Bauherrenmodell. Dortmund ist mit seiner „Philharmonie für Westfalen“ vorangegangen, Duisburg plant ein Konzerthaus, Düsseldorf will die Tonhalle grundlegend sanieren, und auch die Bochumer Symphoniker, das fortschrittlichste Orchester der Region, wollen nicht auf NRW-Kulturminister Michael Vesper hören, der ihnen die Jahrhunderthalle als Spielort empfiehlt, und haben ebenfalls einen Neubau ausgeschrieben.
Im Ruhrgebiet herrscht noch Urvertrauen ins klassische Konzert als das höchste aller Kulturrituale. Essens Kämmerer braucht dieses Urvertrauen nicht, denn er musste für die Philharmonie nicht in die leere Tasche seiner Stadt greifen. Deren Steuereinnahmen sind dramatisch gesunken, Essen hat nur noch 586000 Einwohner und trägt alle Anzeichen einer ausblutenden Metropole. Viele, die hier arbeiten, aber nicht leben müssen, ziehen ins Umland. Doch leben in Essen und seinen feinsten Gegenden die Verwalter des Kapitals, die Sponsoren, die für die Philharmonie insgesamt 53 Millionen Euro sammelten.
- Datum 09.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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