Musik Licht in die GruftSeite 2/2
Dort lebt auch Berthold Beitz, der Kuratoriumsvorsitzende der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die alleine 13 Millionen Euro für das Haus aufbrachte. Das berechtigte ihn, sich im Programmheft des Eröffnungskonzerts mit einem jovialen „Liebe Essener!“ an die Besucher zu wenden. Solche Lichtgestalten des Gemeinsinns wollen gepflegt sein, Intendant Michael Kaufmann wird für Beitz demnächst ein eigenes Konzert ausrichten. Die restlichen acht Millionen Euro kamen aus der Denkmalschutzkasse des Landes, das mit Essen ohnehin große Pläne hat: Die Stadt soll 2010 als Kulturhauptstadt Europas für NRW werben.
Die exklusive Anrede eines Mäzens an die Bürger seiner Stadt spiegelt das Denken in heimatlichen Kategorien. Für die Kalkulationen Kaufmanns sind solche Einengungen gefährlich. Er muss darauf setzen, dass es in NRW einen Kulturtourismus gibt, der nicht nur auf die Ruhrtriennale und das Klavierfestival Ruhr abfährt. Wie sonst wollte er an vertraglich festgeschriebenen 200 Tagen im Jahr die 1906 Sessel seines Hauses mit Konzertgängern füllen?
Der Klang ist glanzlos
Bislang punktet die Musikstadt Essen vor allem als Sitz der Folkwang-Hochschule und der Aalto-Oper. Die sorgt auf der szenischen Seite nur selten für Furore; einmal hat sich Peter Konwitschny dorthin verirrt und in Strauss‘ Daphne dem Dirigenten Stefan Soltesz fast die Show gestohlen. Solche Kratzer an der Aura des Essener Prinzipals sind seitdem nicht mehr vorgekommen, weswegen der Kult um ihn ungehindert ins Ikonenhafte wachsen konnte.
Soltesz verwendet keinerlei Ehrgeiz darauf, seine konservative Ästhetik durch Beschäftigung mit der Moderne aufzurichten. Am wohlsten fühlt er sich in der Oper bei Wagner, Strauss und Puccini, hier kann er seine Essener Philharmoniker ungehindert auf luxuriösen Mischklang drillen, für den sie 2003 von der Fachkritik das Prädikat „Orchester des Jahres“ bekamen. Das erscheint Soltesz offenbar als Legitimation für seine gestrigen Sinfoniekonzert-Programme in der kommenden Saison, mit Romantik aus allen Rohren. Düstere Aussichten: Wenn der Chef dirigiert, wird Essens Philharmonie gleich zur Nekropole.
Solche hoheitliche Beschränkung seines Partners auf das vorvorige Jahrhundert könnte für Kaufmann ein weiterer Stolperstein auf dem Weg sein, ein perspektivisches Gesamtprogramm zu installieren und damit die versäumte Erziehung des bürgerlichen Publikums nachzuholen. Die Verkaufszahlen für die ersten Wochen des nun beginnenden „Eröffnungs-Zaubers“ zeigen, dass die unvermeidlichen Events natürlich ausverkauft sind. Aber bei Leuten wie Uri Caine kratzt sich der Essener vor dem Ticketschalter unwissend am Kopf. Uri wer? Jenes Kratzen könnte demnächst ein kollektives sein, falls die zu früh gelobte Akustik des Saals nicht zu korrigieren ist. Die matt und glanzlos klingenden Violinen des Hausorchesters saßen im Einweihungskonzert (es gab unter Soltesz neben Bach und Mozart natürlich Strauss, die Alpensinfonie) auf dem niedrigsten Niveau des Podiums, das wie ein Amphitheater ansteigt und die Bläser eindeutig bevorzugt. Das Orchester spielte exzellent, aber es klang eng, unräumlich, wie aus der Ferne. Daran ändert auch das Schallsegel über dem Podium nichts, das wie eine riesige Nusstorte von der blauen Decke hängt.
- Datum 09.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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