streit um moscheen Wer hat Angst vorm Muselman?
In der hessischen Kleinstadt Schlüchtern wollen Muslime eine Moschee bauen. Nichts da!, sagt eine Bürgerinitiative und eröffnet den Kampf um das Abendland
„Wir befinden uns in einem grundlegenden zivilisatorischen Konflikt, der zwischen einem teils extremistischen muslimischen Fundamentalismus auf der einen Seite und einer westlichen Lebenswelt auf der anderen Seite ausgetragen wird.“
Otto Schily (SPD), Bundesinnenminister
„Ich bete zu Gott, dass der christliche Glaube so stark bleibt, dass wir uns nicht vom Islam unterwandern lassen.“
Manfred Hendel (CDU), Bürgermeisterkandidat für Schlüchtern
Schlüchtern
Die Wahrzeichen des osthessischen Schlüchtern sind im Grunde nichts Besonderes. Es sind seine drei Kirchtürme. Die Kirchtürme, die schon immer da waren, die schon immer aus den Fachwerkhausgässchen aufragten, die dem Städtchen schon immer ihren stummen Segen gaben. Sie sind, könnte man sagen, eine naheliegende Wahl für das Stadtlogo, denn die nächstauffälligen Gebäude im Ort sind die Kreissparkasse und das Gerätehaus der Feuerwehr. Aber das ist es nicht allein. Ihre Türme sind den Schlüchternern ehrlich ans Herz gewachsen. Zusammen klammern sie sich ans Gewohnte, an die Übersichtlichkeit ihrer Welt, ihre Traditionen. Noch hält der Pakt, noch ist unter den Giebeln alles in Ordnung.
Doch die Schlüchterner haben Angst. Angst, dass es mit dem christlichen Abendland zu Ende geht. Erst hier bei ihnen und irgendwann in ganz Deutschland. Denn die Muslime kommen. Hoch oben am Waldrand will eine Glaubensgemeinschaft mit Namen Ahmadiyya eine Moschee bauen. Für 200 Mitglieder. Mit einer Kuppel. Mit 13,50 Meter hohen Minaretten. Mit Blick auf den Friedhof.
„Die Schlüchterner müssen sich also darauf einstellen, dermaleinst ihre letzte Ruhe im Schatten einer Moschee zu finden“, sorgt sich eine Bürgerbewegung – „sollten sie sich nicht zu entschiedenem Widerstand aufraffen.“
Schlüchtern, das ist ein deutsches Bauchgefühl. In immer mehr Städten schlägt eine mulmige Grundstimmung gegenüber Muslimen in offene Ablehnung um. Ob in Köln, Hannover, Darmstadt, Frankfurt, Bad Salzuflen, Berlin, Thannhausen, Wabern oder Wertheim – überall finden sich Bürgerbewegungen zusammen, um Moscheen in ihrer Nachbarschaft zu verhindern. Seit einem Jahr gibt es einen Bundesverband der Bürgerbewegungen zu Bewahrung von Demokratie, Heimat und Menschenrechten. Er will „der Unterwanderung durch Islamisten Einhalt gebieten“. 17 Bürgerinitiativen haben sich bis heute unter dem Verband zusammengeschlossen, und es werden immer mehr.
Sind all diese Leute paranoide Spießgesellen? Oder begegnet der Rest der Republik dem Islam mit falscher Toleranz? Laut einer aktuellen Erhebung des Zentralinstituts Islam-Archiv hat sich in den vergangenen zwei Jahren die Anzahl der klassischen Moscheen (also solcher mit Kuppeln und Minaretten) in Deutschland fast verdoppelt, von 77 auf 141. Weitere 154 werden gerade gebaut, zudem gibt es noch rund 2500 architektonisch unauffällige Gebetsräume. Gleichzeitig betonen immer mehr der hier lebenden Muslime Widersprüche zwischen religiöser und staatlicher Ordnung. 21 Prozent der Muslime halten nach dieser Umfrage das Grundgesetz für unvereinbar mit dem Koran. Noch vor einem Jahr dachten so nur 16 Prozent.
Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. In Schlüchtern haben sich schon 2500 von 18000 Einwohnern in die Unterschriftenliste gegen den Moscheebau eingetragen: Rechtsanwälte, Lehrer, der Dorfadlige, ein ehemaliger Pfarrer, ein Exbürgermeister. „Ich kämpfe nur für meinen Glauben, wie andere es auch tun“, sagt der Vorsitzende der Schlüchterner Moschee-Gegner, Rainer Egner. Rund um seinen Couchtisch haben die Aktivisten der Gruppe Platz genommen. Was haben sie gegen eine Moschee im Ort? Ist in Schlüchtern nicht Platz für zwei Religionen?
Jedenfalls nicht für jede, sagen sie. Und argumentieren im Galopp durch die westliche Kulturgeschichte, vom Christentum über die Aufklärung und den Humanismus bis zum Grundgesetz. „Ich habe gelernt, dass der Islam nicht kompatibel ist mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“, meint Stefan Etzel, ein Wanderbuchautor. „Bei den Muslimen“, sagen Susanne Weider-Herr und Ingrid Föller, „gibt es nur eine Sorte Mensch. Den Mann.“ Sie seien schließlich nicht in den siebziger Jahren für Frauenrechte auf die Straße gegangen, damit in ihrer Nachbarschaft jetzt mittelalterliche Rollenbilder propagiert würden. „Deswegen“, sagt Ingrid Föller, „leiste ich mir den Luxus, als Grüne gegen die Moschee zu sein.“ Die Gruppe ist keine Ansammlung von Hitzköpfen. Von Rechtsradikalen und dumpfen Stammtischbrüdern halten sich die Mitglieder mit Bedacht fern; als die örtlichen Republikaner mitmischen wollten, riet man ihnen, sich herauszuhalten. Der Widerstand soll „aus der Mitte der Gesellschaft“ kommen. Und doch, wie könnte es anders sein, den meisten Beifall bekommt er vom rechten Rand.
So geschehen beispielsweise, als die Bürgerbewegung den Buchautor Udo Ulfkotte in die Stadthalle einlud. Der verstand zwar nichts von der Ahmadiyya, sagte aber, es herrsche „Krieg in unseren Städten“, und in Schlüchtern solle ein Kalifat errichtet werden. So geschehen auch, als eine Vertreterin der Christlichen Mitte anreiste, die sprach: „Wahre Muslime sind grundsätzlich bereit zur Gewalt.“ Außerdem dürften sie lügen. Und auch eine Sozialwissenschaftlerin trat auf, die eine flammende Anklageschrift gegen die Ahmadis herausgebracht hat. Die pakistanische Sekte, beschreibt sie, führe einen „Eroberungszug“ für den „Weltsieg des Islam und die Errichtung einer islamischen Weltordnung mit Schariarecht“. Am Ende befand auf einer Bürgerversammlung eine ältere Dame: „Man traut sich ja nicht mehr auf die Straße bei all dene Moslems.“
Manfred Hendel, der CDU-Bewerber für den Schlüchterner Bürgermeisterposten, gibt sich im Gespräch keine besondere Mühe, Muslime und Islamisten zu unterscheiden. Er sei, was die Ahmadiyya angehe, zwar „nicht so gründlich informiert“, aber Professoren brauche man in Schlüchtern eigentlich auch nicht: „Die Skepsis der Leute hier erzeugt die Tagesschau.“ Außerdem, findet er, passe eine Moschee „nicht in unser christlich-abendländisches Landschaftsbild.“ Am 13. Juni sind Kommunalwahlen in dem Kinzigstädtchen.
Der amtierende Bürgermeister von der SPD, Falko Fritzsch, hat bis vor kurzem versucht, den Streit um die Moschee gütlich zu lösen. Dann gab er es auf. „Die Primitivitätsskala in dieser Auseinandersetzung“, sagt er, „ist nach unten offen.“ Eigentlich habe er keinerlei Bedenken gegen das Gebetshaus. Schließlich gebe es keine Anzeichen dafür, dass es sich bei den Ahmadis (40 von ihnen leben in Schlüchtern) um eine gefährliche Gruppe handele. „Aber mittlerweile gilt der Islam als Synonym für Terrorismus.“
Schlüchterns Muslime, sagt ein Experte, sind „ziemlich harmlos“
Ausgerechnet gegenüber der Ahmadiyya-Gemeinschaft ist diese Gleichsetzung besonders absurd. Der hessische Verfassungsschutz sieht derzeit keinen Anlass, die Gemeinschaft zu beobachten. Sie sei keineswegs radikal. Das bekräftigt auch Munir Ahmed, ein pensionierter Islamwissenschaftler des Hamburger Orient-Instituts. Er war bis zu seinem 26. Lebensjahr selbst ein Ahmadi und trat dann aus. Die Bewegung, sagt er, sei zwar missionarisch und konservativ, aber „ziemlich harmlos“. In ihrer Heimat Pakistan werden die Ahmadis gar als unislamisch verfolgt. Mit anderen Worten: Sie sind so etwas wie die Zeugen Jehovas unter den Muslimen.
An diesen Fakten änderten zwar die Bomben in den Bahnhöfen von Madrid nichts. Aber sie verschlimmerten die Stimmung in Schlüchtern. Spätestens seit dem 11. März, sagt Bürgermeister Fritzsch, habe er in Sachen Moschee „keine Kompromissmöglichkeit mehr“ gesehen. Mitte März bat er die Ahmadis, den Bauantrag (er ist noch immer nicht beschieden) zurückzunehmen. Als „Zeichen des Willens zum friedlichen Zusammenleben“, wie Fritzsch es formulierte. Man merkt dem Bürgermeister an, dass er diesen Schritt selbst als Einknicken empfindet. Eigentlich, sagt er, müsse er ja auch die Religionsfreiheit garantieren. „Aber was soll ich machen?“, fragt er. „Nimmt man sein Vorfahrtsrecht in Anspruch, wenn von der anderen Seite ein voll besetzter Linienbus auf die Kreuzung zurast?“
So viel zu den Gegnern der Moschee – und was ist mit ihren Anhängern? Was ist mit dem, gelinde gesagt, problematischen Frauenbild vieler Muslime? Was mit dem oftmals undurchsichtigen Demokratieverständnis? Dem überdurchschnittlichen starken Antisemitismus? Was predigen die Vorbeter? Lässt sich, etwas allgemeiner gefragt, jede islamische Bewegung ganz selbstverständlich mit der Religionsfreiheit des Artikels 4 umarmen?
Wenn man die Ahmadis nur um Auskunft bittet, öffnen sie bereitwillig die Tür zu ihren Gebetsräumen. Im profanen Ambiente einer Zweizimmerwohnung im ersten Stock hinter einer Schlüchterner Tankstelle haben sie sich provisorisch eingerichtet. Den Empfang übernimmt der Hauptverdächtige des mutmaßlichen „Kalifatsstützpunkts“ Schlüchtern. Er heißt Hadayatullah Hübsch, sieht aus wie eine Mischung aus Udo Lindenberg und Jassir Arafat, ist ehemaliger Kommunarde und Frankfurter Hippie-Anführer, 1970 zum Islam konvertiert, heute Schriftsteller und Pressesprecher der Ahmadiyya-Gemeinde. In der Küche hinter ihm werkeln drei Frauen mit Schleier an einem opulenten Mittagsmahl. Nebenan, im Männergebetsraum, läuft im Fernseher eine Sendung des Muslim Television Ahmadiyya International. Über Intelsat versorgt der Sender aus London die weltweit in 170 Ländern lebenden 10 Millionen Ahmadis mit Predigten, 24 Stunden am Tag. „Jeder kann doch sehen und hören, was hier gepredigt wird, sogar auf Deutsch“, sagt Hübsch. „Stattdessen werden wir von der Bürgerbewegung mit Lügen überschüttet.“
Die Islamkritiker reden nicht mit ihren Gegnern – wozu auch?
Bis heute haben sich Ahmadis und Bürgerbewegung noch zu keinem ruhigen Gespräch getroffen. Jede Seite wirft der anderen vor, zu einem unvoreingenommenen Dialog nicht willens zu sein. An den Wänden der Ahmadis-Gebetsräume hängen Collagen, von Kinderhänden gemalt. Auf einem ist eine Frau mit Schleier und langem Gewand zu sehen, daneben der Spruch: „Es soll kein Zwang im Glauben sein.“ Wie passt das zu folgenden Passagen aus dem Buch Islam 99 von Hadayatullah Hübsch? Unter der Überschrift „Darf ein Mann dem Islam zufolge seine Frau schlagen?“ schreibt er dort: „Als letzte Zuflucht darf er auf eine leichte Züchtigung zurückgreifen.“ Auf die Frage, ob eine Muslimin schwimmen und Sport treiben darf, heißt es: „Ab der Pubertät sollen Mädchen sich nicht so in gemischte Gesellschaft begeben, dass sie sich mehr oder weniger unbekleidet zeigen. Gemischter Sport oder Schwimmunterricht ist ab diesem Alter dem Islam zufolge verboten.“
Hübsch versucht zu erklären, redet vom „Rechtsfrieden“ in der Ehe, der Notwendigkeit „bestimmter letzter Worte“, der unterschiedlichen körperlichen Beschaffenheit von Männern und Frauen, aber das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ahmadis in der Tat ein reichlich paternalistisches, längst überwunden geglaubtes Frauenbild verbreiten. Das macht sie nicht zu Verfassungsfeinden. Aber es wirft im Umgang mit – auch moderaten – Muslimen die grundsätzliche Frage auf, wie viel Vergangenheit die Gegenwart verträgt.
„Wir werfen den Ahmadis ja gar nicht vor, extremistisch zu sein“, sagt die Moschee-Gegnerin Susanne Weider-Herr. „Aber ich möchte einfach nicht, dass diese Glaubensform sich hier weiter ausbreitet.“ Zum Beispiel deshalb nicht, weil ihre Tochter nie ein Kopftuch tragen solle.
Besteht denn da eine realistische Gefahr?
„Na ja“, antwortet sie, „bei uns bröckelt doch alles. Familien, Werte, Kultur … Was hält uns denn noch zusammen?“ Welche, soll das heißen, ideellen Angebote hat die Mehrheitsgesellschaft der sittlichen Supermacht Islam noch entgegenzusetzen? Ironischerweise ist es genau dieser Verfall, den der Konvertit Hübsch mit seiner Biografie verkörpert. Seine Rettung aus Beziehungs- und Orientierungsverlust hieß Islam. Und die der Schlüchterner? Ihre Kirchtürme mögen noch immer Landmarken sein. Wegweiser sind sie immer weniger.
- Datum 09.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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