Kino Vom Leben in ewiger Sonntagsstimmung

Ein wunderbarer Film über großes Unglück und kleine Ersatzhandlungen – Tom McCarthys „Station Agent“

Alles, was Finbar macht, hat einen gewissen Stil. Hinter dem Verkaufstresen im Modelleisenbahnladen steht er stets mit schwarzem Anzug, Krawatte und weißem Hemd. Zum Arbeiten in der Werkstatt zieht er sich eine gebügelte Schürze über. Doch Finbars eigentliche Klasse liegt in der Gelassenheit, mit der dieser 1,30 Meter kleine Mann die Schaulust seiner Umgebung ignoriert. Gaffereien streift er ab wie lästige Fusseln. Mit unbeugsamer Höflichkeit hält er sich auch den Rest der Welt vom Leib. Bis er ein ausgedientes Bahnwärterhäuschen in Newfoundland, New Jersey, erbt, in der Hoffnung, nun ungestört seiner Leidenschaft für Züge und Gleise nachgehen zu können. Doch in Newfoundland, einem verwunschenen Terrain voll einsamer Seelen, ist ein freiwilliger Einzelgänger unfreiwillig König.

Station Agent ist das Regiedebüt von Tom McCarthy. Sein Film handelt von Fortbewegung, Stillstand und von den Menschen, die sich dazwischen eingerichtet haben. Von einem Imbisswagen, dessen geschwätziger Betreiber Joe (Bobby Cannavale) nicht weiß, wohin mit seiner Liebe. Von einem verwaisten Einfamilienhaus, dessen Bewohnerin Olivia (Patricia Clarkson) immer noch ihrem verunglückten Sohn nachtrauert. Und eben von jenem Bahnwärterhäuschen, das für Finbar (Peter Dinklage) ein neues Zuhause wird. Nicht zuletzt also erzählt der Film von großen Unglücken und kleinen Ersatzhandlungen – dem täglichen Warten auf den 16.09-Uhr-Zug oder darauf, dass Finbar morgens endlich aus der Tür tritt.

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Die Kamera des Hamburgers Oliver Bokelberg eifert den Panoramen der John-Ford-Western nach, in denen sich vereinzelte Körper vor erhabenen Landschaften bewegen, die so eindrucksvoll sind, dass sie Kategorien von Groß und Klein, Mut und Angst noch einmal neu mischen. Das Schönste jedoch ist die Sonntagsstimmung dieses Films: leere Straßen und Plätze, vielleicht mal ein verlorenes Haustier oder ein stärkerer Windzug – so als betrachte der Tag sich selbst.

Natürlich ist Station Agent auch eine Hommage an die uralte Liebe zwischen dem Kino und der Eisenbahn, die nostalgische Verwandtschaft von Fortbewegungs- und Filmapparat: Das Drehen der Räder und Rollen, die fantastischen Fernreise-Möglichkeiten und der Blick aus dem Fenster, an dem die Landschaft wie ein Film vorbeizieht.

Bezeichnenderweise beginnt in Station Agent die Freundschaft der drei erst richtig, als Olivia dem kleinwüchsigen Zugfanatiker eine Kamera besorgt und Finbar aus Joes fahrendem Imbisswagen endlich seine Lieblingszüge ablichten kann. Eine Verknüpfung aus Leidenschaft und Geselligkeit, in der es sich alle Beteiligten leicht allzu kuschelig machen könnten, gäbe es nicht die alltäglichen Tiefschläge, die das Leben als unabänderliche Kette von Verlusten auszeichnen. McCarthys hat ein gutes Gespür für die unspektakulären Wahrheiten, die sich in Gesprächslücken oder in hilfloser Geschwätzigkeit breit machen. Wenn am Ende Olivia mit leerem Blick und ausgepumptem Magen neben einem ungewohnt lächelnden Finbar und einem erstaunlich schweigsamen Joe auf der Veranda schaukelt, werden uns unprätentiös drei Menschen präsentiert, die sich mit der Freundschaft und ihren Fallgruben inzwischen ganz gut auskennen.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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  • Schlagworte Kino | Film | Agent | Freundschaft
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