Es ist strategisch umstritten, von technischen Rückschlägen und eskalierenden Kosten geplagt, kaum unter realistischen Bedingungen getestet; und, sagen die Kritiker, es ist gegen den falschen Feind gerichtet. Dennoch wird jetzt Ernst aus Amerikas Raketenabwehrprogramm. Mitte Juli soll die erste Rakete von einem gigantischen Kran in ihr Bodensilo in Alaska versenkt werden, wie eine Kugel in einen Gewehrlauf. 25 Meter tief ist das Loch, das mit Beton und Stahl ausgekleidet und mit einer Kuppel versehen wurde, die das kostbare Geschoss vor den Elementen und der betäubenden Kälte schützen soll. Wenn sich die Kuppel eines Tages zurückklappen sollte, damit ihre Ladung auf einer gewaltigen Stichflamme in den Weltraum geschleudert wird, bedeutet das, dass Amerikas oberste Generäle ihrem Präsidenten gemeldet haben: Feindliche Interkontinentalrakete im Anflug; Zeit bis zum Aufprall: höchstens 30 Minuten.

Raketen auf Nordkorea gerichtet

Amerikas Rettung vor dem Untergang soll dann so aussehen: Die dreistufige Abfangrakete schwingt sich ins All hinauf, auf einer Flugbahn, die in einem geheimen Kommandozentrum tief im Cheyenne Mountain in Colorado berechnet wurde. Hunderte von Kilometern über der Erde löst sich der Gefechtskopf: das Exoatmospheric Kill Vehicle (EKV), ein Kamikaze-Roboter, der Infrarotsensoren und Steuerdüsen benutzt, um sein Ziel zu orten und zu halten – und um durch den Aufprall mit 12 Kilometern pro Sekunde die feindliche Rakete zu vernichten. Ein Rammbock im All.

Bis zum 30. September werden fünf Raketen in ihren Silos in Fort Greeley, Alaska, startklar gemacht. Dies geht auf eine Anweisung des Präsidenten aus dem Dezember 2002 zurück; Ende 2005 sollen insgesamt 20 Raketen in Alaska und Kalifornien stehen. 20 Raketen – nur scheinbar eine überschaubare Größenordnung. Denn dahinter steckt ein Apparat von kaum fassbarer Komplexität, der sich über neun Zeitzonen verteilt: Dazu gehören ein Rudel kreisender Frühwarnsatelliten, ein Frühwarnradar in Kalifornien, ein weiterer bodengestützter Radar auf der Aleuteninsel Shemya und mehr als 20000 Kilometer Glasfaserkabel.

Und das ist erst der Anfang. Ist der Schutzschild vollendet, soll er – nach der Vorstellung der Planer – das Territorium Amerikas und seiner wichtigsten Alliierten sowie seine Truppen im weltweiten Einsatz gegen Raketenangriffe aus allen Himmelsrichtungen schützen. Die Technik soll es eines Tages erlauben, feindliche Geschosse sozusagen schichtweise abzufangen: kurz nach dem Abschuss oder auch während des Fluges, selbst im Weltall und notfalls sogar noch kurz vor dem Aufprall.

Doch um eine beispielsweise auf Europa gerichtete iranische Langstreckenrakete zu stoppen, erweist sich das System in der Version, die jetzt gebaut wird, als untauglich; die Raketen und Radare an der US-Westküste sind in Richtung Nordkorea gerichtet. Für den Schutz Europas indessen wären Radarstationen und Raketensilos in Osteuropa vonnöten. Nach Angaben von Rick Lehner, dem Sprecher der Missile Defense Agency, haben sowohl Polen als auch Tschechien noch im vergangenen Jahr Interesse bekundet, Raketen zu stationieren. Bisher sei aber noch nichts entschieden – und eventuell komme auch ein Stützpunkt an der US-Ostküste in Betracht.

Auf die Bedrohung von US- oder Nato-Truppen im Einsatz durch Kurz- und Mittelstreckenraketen gibt es erst recht keine passende Antwort – dafür müssen andere, bewegliche Systeme her: auf Lastwagen, auf Schiffen, Flugzeugen oder auch im All. Das Pentagon will im kommenden Jahr eine 100 Meter hohe Mikrowellenantenne auf einer Ölplattform testen, die je nach Bedarf als mobiles Radargerät über die Weltmeere geschleppt werden könnte. Gerne sähen die US-Militärs auch Fortschritte bei dem Projekt eines Jumbo-Jets mit einer gewaltigen Laserkanone an Bord, die feindliche Geschosse schon kurz nach dem Abschuss schockverkohlen könnte… und man will mehr Satelliten, natürlich. Viele, viele Satelliten. Wie die Gesamtarchitektur schließlich aussehen soll, ist nach Expertenmeinung keineswegs zu Ende gedacht. Aber die Planer und Tester fangen einfach auf allen Ebenen gleichzeitig an; nach dem Motto: "Irgendwas wird schon klappen."

Nur will die Technik nicht, wie sie soll. Zwar haben in den 20 Jahren, seit Präsident Ronald Reagan mit seiner Strategic Defense Initiative (SDI) erstmals eine umfassende Raketenabwehr für die USA forderte, Informatik, Robotik und Miniaturisierung von Flugkörpern gewaltige Fortschritte gemacht. Das Prinzip Rammbock – Zerstörung durch pure Kollision – könnte sogar funktionieren. Das Problem ist jedoch: Der Angreifer kann das Abfanggeschoss mit einfachen Tricks ausmanövrieren oder täuschen. Zum Beispiel durch eine Rakete, deren Spitze sich im Flug in mehrere Gefechtsköpfe zerlegt oder, noch perfider, durch einen Gefechtskopf und einen Schwarm von Attrappen. Diese und ein Dutzend andere Möglichkeiten haben Kritiker wie Ted Postol vom Massachusetts Institute of Technology oder die Bostoner Experteninitiative Union of Concerned Scientists (UCS) mehrfach nachgewiesen. Und die kongresseigene unabhängige Revisionsbehörde GAO hat dem Thema vier ausführliche, vernichtende Berichte gewidmet, der letzte wurde im April veröffentlicht.