Fußball war immer eine Bastion der Männlichkeit. Zum Fußball gehören Gebrüll, kräftige Sprüche und eine Körpersprache mit jenem Akzent von Gewalt, wie ihn nur eine männliche Anatomie hervorzubringen vermag. In einer solchen Welt scheint für Frauen kein Platz zu sein. Wenn man die Literatur des Mutterlandes des Fußballs mit ihren unvergleichlich genauen Beschreibungen dieses Kosmos liest, lebt der echte Fan Englands in einer Welt, die entweder frauenfeindlich ist oder sogar frauenfrei (wegen Scheidung). Frauen kommen in diesem Leben allenfalls sporadisch vor, und wenn, dann nur als eine mitlaufende Sonderkategorie der Fans. Sie haben – von Ausnahmen abgesehen – den Status von Groupies, die affektiv an Männer gebunden sind, entweder an Spieler oder an Fans, aber eben nicht an die Sache des Fußballs.

Bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Japan und Südkorea gab es allerdings ganz andere Bilder und Töne: Aus den Stadien war kein Dröhnen von Männerstimmen zu hören, sondern eine hohe Stimmlage, die zwischen Kreischen und spitzem Jubel variierte. Auf den Tribünen sah man Massen von Mädchen, in die Trikots ihrer Lieblingsmannschaften gehüllt. Diese weibliche Dominanz unter den Fußballzuschauern war einzigartig und nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass im Fernen Osten das männliche Interesse auf Baseball fixiert ist. Doch auch bei uns liefen im Sommer 2002 auffällig viele Mädchen im Trikot der deutschen Nationalelf herum, und Frauen saßen in einem nie gekannten Ausmaß vor den Fernsehgeräten. Kultivierte ältere Damen, bisher des Fußballinteresses völlig unverdächtig, wurden beim Hören von Radioreportagen aus Korea überrascht. Schwiegermütter, die ihr feindliches Verhältnis zu den Schwiegersöhnen bisher mit deren Fußballleidenschaft begründet hatten, verschoben das Familienessen auf die Zeit nach der Übertragung der Spiele, um diese persönlich verfolgen zu können.

Dieser Eindruck einer emotionalen Involviertheit ist mittlerweile auch mit Zahlen zu belegen: Das Meinungsforschungsinstitut Emnid hat mittels einer repräsentativen Umfrage herausgefunden, dass das Interesse an Fußballländerspielen nahezu gleich auf beide Geschlechter verteilt ist: 51 Prozent der befragten Frauen (und 52 Prozent der Männer) gaben an, gern wichtige Begegnungen wie etwa jene bei Europa- und Weltmeisterschaften zu verfolgen. Anders sieht es bei Bundesligaspielen aus: Genau die Hälfte der Männer schaut sich diese häufig im Fernsehen an, aber nur 18 Prozent der Frauen.

Frauen haben also ihr Interesse am Fußball entdeckt, zumindest an großen Turnieren wie der bevorstehenden Europameisterschaft, und sie haben auch einen anerkannten Platz für dieses emotionale Engagement gefunden, der ihnen von den Hütern der Spielkultur in der Vergangenheit verweigert worden war: Männer wehren das Interesse der Frauen eigenartigerweise nicht mehr ab; sie sind über dieses Vordringen in der Regel nicht verstört.

Zwar haben Frauen nach wie vor kein Recht auf ernst zu nehmende Kommentare, finden mit ihren Bemerkungen kaum nennenswertes Gehör, aber sie haben mit ihrem Interesse offensichtlich eine Rolle gefunden, die eine andere als jene der Männer ist. Und es lässt sich annehmen, dass insbesondere ein kontinentales Fußballturnier wie die EM eine spezielle weibliche Perspektive auf das Spiel ermöglicht. Aber welche?

Die Nationalspieler entsprechen dem Männerbild ihres Landes

Unabhängig davon, wie erfolgreich die deutsche Frauen-Nationalmannschaft ist, sehen Frauen lieber die Spiele des Männerteams. Wenn Frauen Männern zusehen, ist dies etwas anderes, als wenn Männer dem Spiel anderer Männer beiwohnen. Man braucht kein Spezialist der Geschlechterforschung zu sein, um die Eigentümlichkeiten des weiblichen Blicks auf spielende Männer zu erfassen. Während Männer beim Turnier der besten Nationalmannschaften in erster Linie auf deren Spielweisen achten, sehen Frauen erst einmal darauf, wie die Männer aus den verschiedenen Ländern auftreten. Nicht, was sie tun, ist hauptsächlicher Gegenstand ihres Interesses, sondern wie sie es tun: wie sie sich bewegen, mit anderen umgehen, sich darstellen, ihre Rolle ausfüllen, kurz, welche Art Männlichkeit sie im Spiel präsentieren.