usa Klassenkampf mit Aktien

Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten nutzen neuerdings ihre Macht als Anteilseigner. Dabei erhalten sie Schützenhilfe von der Börsenaufsicht

Gewerkschafter haben es schwer bei Comcast. Der führende Kabelanbieter der Vereinigten Staaten – der vor kurzem noch den Disney-Konzern übernehmen wollte – liegt im Dauerclinch mit den Communication Workers of America (CWA). Wer sich gewerkschaftlich organisieren will, dem, so klagt die Arbeiterorganisation, drohten Schikanen aller Art bis hin zur Entlassung unter fadenscheinigen Vorwänden. „Comcast hat seinen Angestellten klar gemacht, dass die Firmenleitung keine Vertretung der Arbeiter will und dass man notfalls gegen das Gesetz verstoßen wird, um einen Betriebsrat zu verhindern“, berichtet der Vorsitzende der CWA-Ortsgruppe in Dallas, Texas, Larry Ihfe. So seien beispielsweise kürzlich 60 Stellen verlagert worden, nachdem sich Mitarbeiter der Niederlassung in Dallas organisieren wollten.

Vorvergangene Woche standen sich Comcast-Vorstandschef Brian Roberts und die Arbeitnehmer wieder einmal gegenüber – auf der Jahreshauptversammlung des Unternehmens und in vertauschten Rollen. Diesmal forderten gewerkschaftseigene Fonds und Pensionsfonds, die Anteile an Comcast halten, Roberts zu entlassen. Ihr Argument: Der Sohn des Unternehmensgründers übe einen unzulässig großen Einfluss über den Aufsichtsrat aus, der ihn eigentlich kontrollieren solle. Obwohl ihm nur ein Prozent der Aktien gehören, verfügt Roberts dank Vorzugsrechten über ein Drittel der Stimmrechte. Roberts wurde zwar mit Mehrheit im Amt bestätigt, die Arbeiter feierten das Abstimmungsergebnis dennoch als einen Triumph. „Unsere Vorschläge haben nur knapp die Mehrheit verfehlt“, schrieb die CWA in ihrer Pressemitteilung. Rechne man nämlich Roberts’ Vorzugsrechte heraus, hätten immerhin 49,96 Prozent der Aktionäre für eine Abschaffung der Vorzugsstimmrechte gestimmt.

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So wie die CWA begnügen sich immer weniger amerikanische Gewerkschaften mit ihrer traditionellen Rolle als proletarische Underdogs in einer kapitalistischen Gesellschaft. Statt wie früher allein auf teure Streiks zu setzen, nutzen sie gern die eigene finanzielle Macht. Denn viele Gewerkschaften – allen voran die der Bauindustrie – verfügen seit Jahrzehnten über eigene Pensionsfonds, so genannte Labor Funds. Und die verwalten rund 400 Milliarden US-Dollar an Altersruhegeldern für ihre Mitglieder. Als sehr hilfreich beim Versuch, sich als Arbeiter-Aktionärsaktivisten Gehör in den Vorstandsetagen zu verschaffen, haben sich dabei die verschärften Kontrollvorschriften erwiesen, die der Kongress nach den Skandalen um Enron und Worldcom verabschiedet hat.

Rasch ist vom Machtmissbrauch die Rede

So zwingt der SarbanesOxley Act, der 2002 verabschiedet wurde, die Manager, den Aktionären gegenüber mehr Rechenschaft abzulegen und unabhängige Aufsichtsräte zu berufen. „Mehr Corporate Governance“ lautet entsprechend der Schlachtruf der Arbeiterführer. „Die Arbeiterfonds sind eindeutig die aktivsten institutionellen Investoren, was Corporate Governance angeht“, sagt Carol Bowie vom Investor Responsibility Research Institute, einem unabhängigen Forschungsinstitut. Im Jahr 2001 wurden lediglich 18 Prozent der entsprechenden Aktionärsanträge von den Labor Funds eingereicht. 2002 waren es bereits 30 Prozent und im vergangenen Jahr schon 44 Prozent. Bis Mitte Mai dieses Jahres kamen 49 Prozent aller Corporate-Governance-Anträge auf Hauptversammlungen aus den Reihen gewerkschaftsnaher Investoren.

Außerdem haben die Industriegewerkschafter einen guten Draht zu den Pensionsfonds der öffentlichen Angestellten. Die gehören mit rund fünf Billionen Dollar investiertem Kapital zu den größten Investoren der Welt. Prominentester Vertreter ist Calpers, der Fonds, der die Pensionen der öffentlichen Angestellten des Bundesstaates Kalifornien verwaltet. Mit derzeit 166 Milliarden Dollar lässt Calpers Unternehmenschefs und Wall-Street-Banker zittern.

Calpers war auch mit dabei, als die Gewerkschaften und ihre Fondsmanager eine Kampagne lostraten, um den Chef der Supermarktkette Safeway abzulösen. Zwar konnte sich Steven Burd bei der Aktionärsversammlung im Mai noch auf dem Chefsessel halten – allerdings mit nur 83 Prozent der Stimmen. Während Politiker bei solchen Zustimmungsraten jubeln, gelten bei Vorständen Quoten unter 95 Prozent als schmerzliche Schlappe. Das Unternehmen beklagte sich öffentlich über die „gewerkschaftlich betriebene Kampagne“. Die 1,4 Millionen Mitglieder zählende United Food & Commercial Workers Union, die Gewerkschaft des Lebensmittelhandels, liefert sich einen heftigen Arbeitskampf mit dem Safeway-Management. Das fährt einen radikalen Streichkurs, um mit dem gewerkschaftsfreien Discounter Wal-Mart mithalten zu können. Safeways Betriebe wurden teilweise bis zu fünf Monate lang bestreikt.

Der Eifer, mit dem sich die Arbeitnehmervertreter plötzlich für die Belange der Aktionäre einsetzen, kommt im Unternehmerlager nicht an. Von Machtmissbrauch ist dort die Rede. „Die neuen Corporate-Governance-Vorschriften werden benutzt, um zu erpressen, was bei Verhandlungen zwischen den Tarifparteien nicht erreichbar war“, kritisiert David Hirschmann von der U.S. Chamber of Commerce, einem Unternehmerverband. Die erhöhte Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Corporate-Governance-Probleme werde von den Gewerkschaften als Druckmittel eingesetzt. „Aus Angst vor einem Imageschaden durch Medienberichte und den entsprechenden Auswirkungen auf den Aktienkurs sehen viele Manager keine andere Möglichkeit, als nachzugeben.“ Das schadet nach Ansicht Hirschmanns langfristig der gesamten US-Wirtschaft. „Es lenkt Manager von ihrer eigentlichen Aufgabe ab, verschlingt wertvolle Ressourcen und lässt immer mehr Unternehmer vor einem Börsengang zurückschrecken.“ Die Gewerkschaftsaktivisten verfolgten ihre speziellen Interessen auf Kosten der restlichen Anteilseigner.

Die Gewerkschaften bestreiten das natürlich vehement. „Unsere Fondsmanager haben eine treuhänderische Pflicht gegenüber ihren Anlegern“, sagt Dieter Waizenegger. Das Ziel der Gewerkschaftsfonds unterscheide sich deshalb auch nicht von dem anderer Investoren. „Es geht darum, die Ersparnisse unserer Mitglieder zu schützen und gewinnbringend anzulegen.“ Der Deutsche ist Research Analyst beim AFL-CIO in Washington, dem Dachverband der amerikanischen Gewerkschaften. Er berät die Pensionsfonds der Mitgliedergewerkschaften bei ihren Anlagestrategien. Wie Wall-Street-Investmenthäuser beschäftigen die Gewerkschaften inzwischen eigene Aktienanalysten. Zehn Analysten beschäftigt allein der AFL-CIO. Einen grundsätzlichen Interessenskonflikt zwischen Aktionären und Arbeitern kann Waizenegger nicht erkennen: „Studien belegen, dass ein gutes Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern sich langfristig positiv auf die Performance auswirkt.“

Besonderes Reizthema sind die Bezüge der Manager

Das führte auch die CWA an, als sich die Gewerkschaft aktiv in die Übernahmeverhandlungen bei AT&T Wireless einmischte. Der US-Mobilfunkanbieter stand nach schlechten Ergebnissen zum Verkauf. CWA unterstützte das Übernahmeangebot des Konkurrenten Cingular gegen die britische Vodafone. Dabei nutzte die Gewerkschaft die Tatsache, dass viele der 700000 Mitglieder durch Firmenaktienprogramme Anteile von AT&T Wireless besaßen. „Cingular war aus wirtschaftlicher Sicht der passende Partner“, begründet Candice Johnson, Sprecherin der Gewerkschaft, die Kampagne, „und wir haben ein weit besseres Verhältnis zum Management.“ Cingular bekam tatsächlich den Zuschlag für den 41-Milliarden-Dollar-Deal.

Die Gewerkschaften haben allen Grund, nach neuen Möglichkeiten der Einflussnahme zu suchen. Wie in den meisten Industrienationen verlieren auch die Arbeitnehmerorganisationen in den USA seit Jahren Mitglieder. Anfang der achtziger Jahre waren noch mehr als 20 Prozent der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert. Im vergangenen Jahr lag der Anteil nach Angaben des U. S. Department of Labor, des US-Arbeitsministeriums, nur noch bei knapp 13 Prozent. Allein 2003 verloren die Organisationen rund 369000 Mitglieder. Streiks – das traditionelle Mittel des Arbeitskampfes – setzten die Gewerkschaften in den vergangenen Krisenjahren nur noch selten ein. Gerade 14 Arbeitsunterbrechungen, an denen mehr als 1000 Arbeitnehmer beteiligt waren, zählte das Ministerium in Washington 2003 – gegenüber 39 solcher Aktionen im Jahr 2000. Einer der Gründe für den Mitgliederschwund ist der massive Verlust an Arbeitsplätzen im verarbeitenden Gewerbe. In Branchen wie der Stahl- und Textilindustrie sind die Gewerkschaften traditionell stark, während sie in den modernen Dienstleistungsbereichen wie der Telekommunikation und der Computerbranche kaum vertreten sind. Hunderttausende Arbeitsplätze werden jährlich von US-Konzernen in Billiglohnländer exportiert. Inzwischen verlagern auch Banken und Versicherungen ganze Serviceabteilungen nach Indien.

Outsourcing ist das brennendste Thema für die amerikanischen Arbeitnehmerorganisationen. Auch als Aktionäre opponieren sie vehement dagegen. „Wir setzen uns dafür ein, dass nicht Neunjährige in Sweatshops im Auftrag hiesiger Konzerne in Übersee arbeiten“, sagt Con Hitchcock, der seit Jahren als Anwalt den Gewerkschaftsfonds LongViewFund berät. „Solche Praktiken schaden dem Image und damit dem Aktienkurs.“ Der LongViewFund ist in mehrer Hinsicht eine Besonderheit: Aufgelegt von der Amalgamated Bank, einem Geldinstitut der Textilgewerkschaft Unite, investieren die Pensionsfonds verschiedener Gewerkschaften in die Fondsfamilie, die rund acht Milliarden Dollar verwaltet. Ein internationaler Fonds ist in Planung. Die Manager des Indexfonds sind gezwungen, Anteile an allen Unternehmen zu kaufen, die sich im entsprechenden Index wie etwa dem S&P 500 befinden. „Bei 500 Unternehmen sind immer einige dabei, deren Manager eine schlechte Performance abliefern. Und die nehmen wir ins Visier“, sagt Hitchcock. Nach dem Enron-Skandal finden die Anliegen der Gewerkschafter plötzlich auch bei anderen Aktionären offenere Ohren, hat der Jurist beobachtet. „Früher erhielten solche Vorschläge nicht mal 10 Prozent bei einer Hauptversammlung – jetzt sind 60 bis 70 Prozent keine Seltenheit.“ Ein besonderes Reizthema sind die Bezüge der Bosse. Vorstände verdienen in den USA durchschnittlich über 530-mal so viel wie ein Arbeiter. Ein Dorn im Auge vieler Anteilseigner sind so genannte goldene Fallschirme, mit denen Topmanager abgefunden werden. Der Vorschlag gewerkschaftlich orientierter Aktionäre, Abfindungsvereinbarungen, die mehr als das Dreifache des jährliche Grundgehalts plus Bonus betragen, zustimmungspflichtig zu machen, findet deshalb immer mehr Anklang. „Wir haben das bereits bei zwölf Unternehmen durchgesetzt, darunter bei der Eisenbahngesellschaft Union Pacific und dem Stahlkonzern A. K. Steel“, berichtet Hitchcock.

Bald könnten Gewerkschafter noch mehr Mitspracherechte in der Chefetage bekommen. Die SEC, die US-Börsenaufsicht, will neue Vorschriften erlassen, nach denen Aktionäre es künftig leichter haben, eigene Kandidaten für Aufsichtsratsposten zu nominieren. Bisher werden die Kandidaten für das Kontrollgremium in der Regel vom Management nominiert. Wirtschaftsverbände sehen darin ein falsches Demokratieverständnis. „Auf Kosten des Unternehmens – und damit der restlichen Eigentümer – werden teure Wahlkämpfe ausgetragen“, fürchtet Unternehmervertreter Hirschmann eine langsame Entmachtung der Vorstände. Sollte die SEC die Regel tatsächlich einführen, hat die Chamber of Commerce bereits eine Klage dagegen angekündigt. „Das wird mehr Streit in die Führungsgremien tragen“, argumentiert auch der Business Roundtable, eine Interessenvertretung für Topmanager.

Die Furcht der Lobbyisten könnte berechtigt sein. „Diese Bewegung hat durchaus das Potenzial, die Art zu verändern, wie Unternehmen in diesem Land geführt werden“, glaubt Tom Juravich, Professor für Arbeitsverhältnisse und Leiter des Instituts Labor Relations and Research Centers an der Universität von Massachusetts. Er sieht allerdings kein Problem darin, dass die Gewerkschaften ihre Interessen auf diesem Wege verfolgen. Wer sich per Börsengang Eigentümer ins Boot hole, müsse eben auch die Macht teilen. Eine Entwicklung, die Karl Marx gefallen hätte.

 
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