usa Klassenkampf mit AktienSeite 2/2
Die Gewerkschaften bestreiten das natürlich vehement. „Unsere Fondsmanager haben eine treuhänderische Pflicht gegenüber ihren Anlegern“, sagt Dieter Waizenegger. Das Ziel der Gewerkschaftsfonds unterscheide sich deshalb auch nicht von dem anderer Investoren. „Es geht darum, die Ersparnisse unserer Mitglieder zu schützen und gewinnbringend anzulegen.“ Der Deutsche ist Research Analyst beim AFL-CIO in Washington, dem Dachverband der amerikanischen Gewerkschaften. Er berät die Pensionsfonds der Mitgliedergewerkschaften bei ihren Anlagestrategien. Wie Wall-Street-Investmenthäuser beschäftigen die Gewerkschaften inzwischen eigene Aktienanalysten. Zehn Analysten beschäftigt allein der AFL-CIO. Einen grundsätzlichen Interessenskonflikt zwischen Aktionären und Arbeitern kann Waizenegger nicht erkennen: „Studien belegen, dass ein gutes Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern sich langfristig positiv auf die Performance auswirkt.“
Besonderes Reizthema sind die Bezüge der Manager
Das führte auch die CWA an, als sich die Gewerkschaft aktiv in die Übernahmeverhandlungen bei AT&T Wireless einmischte. Der US-Mobilfunkanbieter stand nach schlechten Ergebnissen zum Verkauf. CWA unterstützte das Übernahmeangebot des Konkurrenten Cingular gegen die britische Vodafone. Dabei nutzte die Gewerkschaft die Tatsache, dass viele der 700000 Mitglieder durch Firmenaktienprogramme Anteile von AT&T Wireless besaßen. „Cingular war aus wirtschaftlicher Sicht der passende Partner“, begründet Candice Johnson, Sprecherin der Gewerkschaft, die Kampagne, „und wir haben ein weit besseres Verhältnis zum Management.“ Cingular bekam tatsächlich den Zuschlag für den 41-Milliarden-Dollar-Deal.
Die Gewerkschaften haben allen Grund, nach neuen Möglichkeiten der Einflussnahme zu suchen. Wie in den meisten Industrienationen verlieren auch die Arbeitnehmerorganisationen in den USA seit Jahren Mitglieder. Anfang der achtziger Jahre waren noch mehr als 20 Prozent der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert. Im vergangenen Jahr lag der Anteil nach Angaben des U. S. Department of Labor, des US-Arbeitsministeriums, nur noch bei knapp 13 Prozent. Allein 2003 verloren die Organisationen rund 369000 Mitglieder. Streiks – das traditionelle Mittel des Arbeitskampfes – setzten die Gewerkschaften in den vergangenen Krisenjahren nur noch selten ein. Gerade 14 Arbeitsunterbrechungen, an denen mehr als 1000 Arbeitnehmer beteiligt waren, zählte das Ministerium in Washington 2003 – gegenüber 39 solcher Aktionen im Jahr 2000. Einer der Gründe für den Mitgliederschwund ist der massive Verlust an Arbeitsplätzen im verarbeitenden Gewerbe. In Branchen wie der Stahl- und Textilindustrie sind die Gewerkschaften traditionell stark, während sie in den modernen Dienstleistungsbereichen wie der Telekommunikation und der Computerbranche kaum vertreten sind. Hunderttausende Arbeitsplätze werden jährlich von US-Konzernen in Billiglohnländer exportiert. Inzwischen verlagern auch Banken und Versicherungen ganze Serviceabteilungen nach Indien.
Outsourcing ist das brennendste Thema für die amerikanischen Arbeitnehmerorganisationen. Auch als Aktionäre opponieren sie vehement dagegen. „Wir setzen uns dafür ein, dass nicht Neunjährige in Sweatshops im Auftrag hiesiger Konzerne in Übersee arbeiten“, sagt Con Hitchcock, der seit Jahren als Anwalt den Gewerkschaftsfonds LongViewFund berät. „Solche Praktiken schaden dem Image und damit dem Aktienkurs.“ Der LongViewFund ist in mehrer Hinsicht eine Besonderheit: Aufgelegt von der Amalgamated Bank, einem Geldinstitut der Textilgewerkschaft Unite, investieren die Pensionsfonds verschiedener Gewerkschaften in die Fondsfamilie, die rund acht Milliarden Dollar verwaltet. Ein internationaler Fonds ist in Planung. Die Manager des Indexfonds sind gezwungen, Anteile an allen Unternehmen zu kaufen, die sich im entsprechenden Index wie etwa dem S&P 500 befinden. „Bei 500 Unternehmen sind immer einige dabei, deren Manager eine schlechte Performance abliefern. Und die nehmen wir ins Visier“, sagt Hitchcock. Nach dem Enron-Skandal finden die Anliegen der Gewerkschafter plötzlich auch bei anderen Aktionären offenere Ohren, hat der Jurist beobachtet. „Früher erhielten solche Vorschläge nicht mal 10 Prozent bei einer Hauptversammlung – jetzt sind 60 bis 70 Prozent keine Seltenheit.“ Ein besonderes Reizthema sind die Bezüge der Bosse. Vorstände verdienen in den USA durchschnittlich über 530-mal so viel wie ein Arbeiter. Ein Dorn im Auge vieler Anteilseigner sind so genannte goldene Fallschirme, mit denen Topmanager abgefunden werden. Der Vorschlag gewerkschaftlich orientierter Aktionäre, Abfindungsvereinbarungen, die mehr als das Dreifache des jährliche Grundgehalts plus Bonus betragen, zustimmungspflichtig zu machen, findet deshalb immer mehr Anklang. „Wir haben das bereits bei zwölf Unternehmen durchgesetzt, darunter bei der Eisenbahngesellschaft Union Pacific und dem Stahlkonzern A. K. Steel“, berichtet Hitchcock.
Bald könnten Gewerkschafter noch mehr Mitspracherechte in der Chefetage bekommen. Die SEC, die US-Börsenaufsicht, will neue Vorschriften erlassen, nach denen Aktionäre es künftig leichter haben, eigene Kandidaten für Aufsichtsratsposten zu nominieren. Bisher werden die Kandidaten für das Kontrollgremium in der Regel vom Management nominiert. Wirtschaftsverbände sehen darin ein falsches Demokratieverständnis. „Auf Kosten des Unternehmens – und damit der restlichen Eigentümer – werden teure Wahlkämpfe ausgetragen“, fürchtet Unternehmervertreter Hirschmann eine langsame Entmachtung der Vorstände. Sollte die SEC die Regel tatsächlich einführen, hat die Chamber of Commerce bereits eine Klage dagegen angekündigt. „Das wird mehr Streit in die Führungsgremien tragen“, argumentiert auch der Business Roundtable, eine Interessenvertretung für Topmanager.
Die Furcht der Lobbyisten könnte berechtigt sein. „Diese Bewegung hat durchaus das Potenzial, die Art zu verändern, wie Unternehmen in diesem Land geführt werden“, glaubt Tom Juravich, Professor für Arbeitsverhältnisse und Leiter des Instituts Labor Relations and Research Centers an der Universität von Massachusetts. Er sieht allerdings kein Problem darin, dass die Gewerkschaften ihre Interessen auf diesem Wege verfolgen. Wer sich per Börsengang Eigentümer ins Boot hole, müsse eben auch die Macht teilen. Eine Entwicklung, die Karl Marx gefallen hätte.
- Datum 09.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2004 Nr.25
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