Stadtparkflaneure sind allerhand gewöhnt: Damen in Trainingshose eilen, unentwegt plaudernd, die Arme auf und ab bewegend, die geharkten Wege entlang. An Wegkreuzen versammeln sich Grüppchen, um synchron in die Luft zu greifen und die Beine zu verbiegen. Auf den Wiesen verprügeln sich Leute wie du und ich mit imaginären Stöcken. Die dubioseste Parkerscheinung hingegen ist in Deutschland recht neu, doch wenn nicht alles täuscht, wird man sich an sie gewöhnen müssen: Junges Volk mit Schultertaschen zieht querfeldein, angeregt diskutierend, man trägt rätselhaftes Gerät mit sich, eine Schüssel auf Beinen, darüber eine Art Regenschirm, dazwischen baumelnde Ketten (daraus errichten sie, was sie Korb nennen). Manchmal steigen diese Menschen auf Bäume oder in einen Teich, manchmal werfen sie auch kleine Scheiben durch die Luft. Spricht man sie an, antworten sie sehr freundlich, sie spielten "Discgolf".

An Frisbee erinnern sie sich nur ungern. Vor 30 Jahren konnte kein Badender an einem See liegen, ohne dass ihn die knallbunten, aus nicht zu weichem Plastik gefertigten Scheiben am Kopf verletzten. Was ursprünglich als Freizeitbeschäftigung kalifornischer Studenten gedacht war und später ein globaler Spaß wurde, entwickelte jedoch auch zivilisierte Komponenten. Es entstanden vorolympische Sportarten wie Ultimate Frisbee, ein recht erfolgreicher Mannschaftssport, der entfernt an American Football erinnert.

Discgolf entsprang zunächst dem Bedürfnis junger Menschen, mit Frisbee-Scheiben auf Mülltonnen, Straßenschilder oder sonstige Ziele zu zielen – Hauptsache, es scheppert. Der Erfinder der modernen, aerodynamisch optimierten Frisbee, der Kalifornier Ed Headrick, entwickelte bereits 1978 den Zielkorb mit Fangketten und begründete so die reguläre Sportart Discgolf. Die Spielidee ist dieselbe wie beim Golf, nur dass statt einer Kugel eine Scheibe gespielt wird. Und das Ziel ist kein Loch. Sondern eben der Fangkorb, in dem die Scheibe landen soll. Der Sportsmann wandert durch einen Park von Korb zu Korb, wirft seine Scheibe und versucht, mit möglichst wenigen Würfen zu "putten". Millionen Discgolfer gibt es heute in den USA, in Schweden ist Discgolf beinahe Nationalsport, auch in der Schweiz fliegen die Scheiben wie verrückt. Nur Deutschland zögerte lange.

Doch nun gründen sich die ersten eingetragenen Vereine, die auf ersten festen Parcours spielen und eine deutsche Meisterschaft ausrichten. Verbandsinterne Diskussionen gibt es auch schon – untrügliches Zeichen dafür, dass Discgolf auch bei uns angekommen ist – darüber, ob der Gebrauch weicher Drogen bei Wettkämpfen unterbunden werden muss.

Noch tragen die Clubs unbekümmert Namen wie Berlin Birdie Bangers, Scheibenguerilla Bad Nauheim, Red Hot Chili Putters Lörrach, Bum Bum Braunschweig. In Bremen residiert, besonders schön, der Drehmoment Discgolf-Verein Bremen e. V. Neun Mitglieder, Präsident ist Dave Lizotte, der amtierende kanadische Meister bei den über 40-Jährigen. "Discgolf", sagt der Vizepräsident Jan Bäss, 31, Kulturwissenschaftler und Filmschaffender, "ist geil."

Man muss stets locker bleiben, innere Leere ist gefragt

Da ist zum einen die Scheibe. Sie ist kleiner als die gewöhnliche Frisbee, misst 21 bis 23 Zentimeter im Durchmesser und ist ein High-Tech-Fluggerät. Kenner besitzen zahlreiche Scheiben, für jede Lebenslage eine. Über 100 Typen stehen zur Auswahl; mindestens drei Spezialscheiben sind Standard. Eine ist nur zum Starten da, der Driver, sehr flach, für große Weiten (Weltrekord: 250 Meter). Dann gibt es Scheiben, die eher nach links oder eher nach rechts kippen – damit kann man Bäume umkurven. Eine Scheibe, die ganz langsam ist, fast schwebt, braucht man zum Putten, also zum Einlochen. Jede einzelne Disc hat ihren Charakter, und der Charakter ändert sich leider mit jeder Baumkollision. Kenner lassen das Gerät bei Bedarf auch über Kopf fliegen, auf dem Boden rollen oder hüpfen (Skip Shot heißt das) und schaffen Doppelkurven. Superkenner versuchen sogar, sich von zufällig anwesendem Viehzeug helfen zu lassen. Bei den Europameisterschaften im Vorjahr in England spielte man in der Nähe einer Schafherde und zielte auf die Tierrücken in der Hoffnung, die Schafe würden schon in die richtige Richtung laufen. Das Regelwerk erlaubt solche Tricks. Häufiger jedoch erlebt der Discgolfer unerwünschte Hilfe. Hunde jagen der fliegenden Scheibe mit Freude hinterher, schaffen sie beiseite und zernagen sie.

"Und dann", sagt der Vizepräsident, "die Natur." Manchmal, erzählt er, passiert die Disc einen Busch, und ein Schwarm Vögel fliegt interessiert hinterher. Der Discgolfer lebt von und mit den Jahreszeiten. Im Winter ist es zwar frisch draußen, dafür muss man entlaubte Bäume nicht mehr umspielen, sondern brettert mitten hindurch. Man spielt bei jedem Wetter, muss seine Scheibe gelegentlich von Bäumen bergen (und notfalls aus der Krone heraus werfen) oder sie aus einem Teich fischen. Discgolf ist gesund. Außerdem sei es, sagt Bäss, ein mindgame. Man darf sich nie anstrengen, muss stets locker bleiben. Solange man durch die Wiesen stapft, darf man quatschen und lachen. Die Regeln schreiben unzweideutig vor, dass man Spaß haben soll. Doch beim Wurf herrscht Ruhe. "Dann darf man sich bloß nicht mit doofen Sachen volltexten." Innere Leere ist gefragt.