Lüneburger HeideHeide in Not

Im norddeutschen Naturschutzpark wird nach neuen Wegen gesucht, wieder mehr Urlauber anzulocken. Das geht nicht ohne Streit ab von Claus-Peter Lieckfeld

Es roch nach "Golf"-Krieg. In der Schützenhalle von Hanstedt, der nordöstlichen Randgemeinde des Naturschutzparks Lüneburger Heide, brodelte es, als ruchbar wurde, was da so alles, vor der Öffentlichkeit abgeschirmt, zwischen Lokalpolitik, Verwaltung und einer Entwicklungsgesellschaft "angedacht" worden war: ein Megagolfplatz, und – wie das dann immer so ist – gleich der größte und unvergleichlichste seiner Art, fünfmal 18 Löcher, ein "Highlight" mit weltweiter Strahlkraft, 180 Millionen Euro Investitionsvolumen. Luxusbebauung mit Häusern bis zu vier Stockwerken hoch, gigantische Hotelanlagen, ausufernde Wellness-Landschaften. Und bei alldem schien Golf nur die überdimensionierte Brechstange zu sein, um Edelbauplätze im Landschaftsschutzgebiet freizuhebeln. Das kam nicht gut an.

Am Ende ihrer mit Verve an die Wand geworfenen Power-Point-Präsentation verteilten die Projektgegner ("Golf ja, aber kein Gigantismus!") einen Flyer mit einem fast hundert Jahre alten Zitat des Pastors Wilhelm Bode: "Heide in Not! In meinem Tempel werden Wechselstuben aufgestellt und Krämerbuden aufgeschlagen!"

Anzeige

Ein gigantischer Golfplatz kommt für die Naturschützer nicht infrage

Heide in Not auch heute. Auf 23000 Hektar dehnt sich rund 40 Kilometer südlich von Hamburg das älteste großflächige Naturschutzgebiet Deutschlands, gegründet 1909. Moorgebiete, Kleingewässer, Bruchwälder und 3000 Hektar reine Heidelandschaft. Eine Wanderlegende, ein norddeutscher Landschafts- und Heimatmythos, Schnucken-schnuckelig, Löns-lyrisch. Doch seit ein paar Jahren scheint es, als wäre die Heide – die Vielgeliebte aus den Tagen wieder erwachender Wanderlust nach dem Zweiten Weltkrieg – ein altes Mädchen geworden, eine verflossene Liebe. Sie reizt nicht mehr so richtig, auch wenn ihr Sand genauso feinkörnig ist wie der Dünensand auf Sylt. Die Familien, die sich noch in den Sechzigern und Siebzigern satte 14 Tage lang bei Vollpension in Undeloh, Wesel, Hanstedt, Egestorf oder Schneverdingen einmieteten, machen heute Urlaub in der Türkei oder der Toskana. Auch die klassischen Heidetouristen, hager und hurtig, jenseits der Lebensmitte, dünnen aus.

Information

Im Süden der Heide hat man ein paar neuzeitliche Magnete installiert: Center Parc, Gokart-Bahn, Freizeitpark. Laut, lärmig, lästig, lukrativ. Doch wo die Natur geschützt werden muss, im Park und in seinen Randbereichen, verbietet sich derlei von selbst. Und auch ein Megagolfplatz an der Nordostflanke, da sind sich die Naturschützer einig, führt geradewegs auf den Holzweg.

Sich im Abwehrkampf den Pastor Wilhelm Bode als Schutzheiligen auszuwählen ist gute, volkstümliche Strategie für die Verteidigung der Heide-Heimatfront. Wilhelm Bode, der Dorfpastor der Heide-Randgemeinde Egestorf, war Anfang des 20. Jahrhunderts der entscheidende Fels im Sturm, als es darum ging, die norddeutsche Charakterlandschaft zu schützen. Pator Bode kümmerte sich 37 Jahre lang nicht nur um seine Gemeinde, sondern auch um die Landschaft, die an der Westflanke Egestorfs ein paar oft besungene Superlative der norddeutschen Tiefebene bietet: Heide, Wacholder, Totengrund, Wilseder Berg.

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Heide | Türkei | Hamburg | Bremen
Service