Die Schären-Fraktion

Nokia, Volvo, Pippi Langstrumpf: Warum Millionen Deutsche alles Skandinavische lieben

 

 

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Der Eros des Nordens, so heißt ein Roman des Finnen Petri Tamminen. Sein Inhalt ist nicht weiter von Belang, es geht um Männerprobleme, Alkohol, den kurzen finnischen Sommer, die Einsamkeit. Eine Sauna brennt ab, auch dies nichts Ungewöhnliches: Das geschieht bei holzbeheizten Rauchsaunen im Schnitt alle acht Jahre.

Interessant ist der Titel des Buches. Den Eros des Nordens, seine Verlockung und unwiderstehliche Anziehungskraft gibt es tatsächlich. Wie viele Deutsche sind davon ergriffen? Und warum? 63 Millionen unserer Landsleute haben im vergangenen Jahr eine Ikea-Filiale aufgesucht. Elf Millionen Leser begleiteten Kommissar Wallander an die Schauplätze grausiger Verbrechen im trügerisch lieblichen Schonen. Mehr als zwei Millionen Deutsche reisten 2003 nach Schweden, ein neuer Rekord. Irgendwo hinter diesen Zahlen liegt der wahre deutsche Nordifizierungsgrad verborgen – bei dem das schwedische Königreich eine besonders stilbildende, aber nicht die einzige Hauptrolle spielt.

Auf jeden Fall dürften die Skandinavisierten auf ihre stille Art eine ähnlich relevante gesellschaftliche Gruppe sein wie die Toskana-Fraktion, die inzwischen leicht passé anmutet. Toskana, das stand für ein Spontitum, das den Pflasterstein als Instrument der Gesellschaftsveränderung zugunsten von kaltgepresstem Olivenöl aufgegeben hatte – für bella figura in maßgeschneiderten Anzügen. Die Nordfans sind in ihrer Psychostruktur etwas kühler, strenger, eher sozialdemokratisch als grün, was aber auch nicht weiter erstaunen kann: Schließlich sind zwei Ikonen der Sozialdemokratie höchst symbolisch mit dem Norden verbunden – Willy Brandt, der vor den Nazis nach Norwegen flüchtete, und Herbert Wehner, der sich am Ende seines Lebens auf die schwedische Insel Öland zurückzog. Die Enkelgeneration in der SPD eiferte ihnen ferienhauskaufend nach.

Bei aller Unterschiedlichkeit in Form und Stil – ähnlich ist die Wohlfühlfolklore von Nord- und Toskana-Fraktion: Man ist auf dem Weg zu sich selbst, nach innen, und erwartet auch, dort jemand Angenehmes zu treffen. Man fühlt sich besser als ein Großteil seiner spießigen Landsleute. Massentourismus, Charterflüge nach Mallorca oder Butterfahrten sind beiden Gruppen ein Graus. Das Skandinavische Reisebüro in Hamburg kennt seine Kunden und bietet »Qualitätsferienhäuser in großartiger Natur und Wildnis, im Lande von Pippi Langstrumpf, mit Innenswimmingpool und Sauna, fern von Stress und Touristenströmen« an.

Die Toskana-Anhänger lieben Trüffeln. Was aber lieben die Nordfans am Norden? Vor allem anderen ein Tier, ein Symbol: den Elch. »Hast du, oder hast du nicht?«, diese Frage bezieht sich einzig und allein darauf, ob man schon einem Elch begegnet ist; nur dann gehört man zu den wirklich Eingeweihten. Die Autorin bekennt an dieser Stelle freimütig, dass sie sich zu diesem Kreis nicht zählen darf. Immerhin erhielt sie einmal eine SMS von einem finnischen Freund: »Habe gerade einen Elch geschossen.« Das wiederum mögen die Deutschen nicht so gern. Sie wollen das noble Tier nicht jagen, sondern hoffen, dass es ihnen aus eigenem Antrieb gegenübertritt, wild und frei und irgendwie auch links. Um das zu erleben, fährt man in den Norden.

An ihren Fleecepullis und Fjällräven-Jacken sollt ihr sie erkennen

Meist nicht gleich nach Schweden. Die skandinavischen Länder legen schon von ihrer Anordnung her eine selbstverständliche Reihenfolge der Urlaube nahe: Einsteiger beginnen unten, mit Dänemark. Dorthin reist man mit einem Auto voller Lebensmittel, Bier, Windeln, Sandspielzeug und Kleinkindern. Und zwar an die Nordseeküste von Jütland (die dänischen Inseln sind schon etwas für Fortgeschrittene), wo die Einheimischen Deutsch sprechen und den Euro neben der Krone als Zahlungsmittel akzeptierten. Auch dafür mögen wir die Dänen und Schweden insgeheim: dass sie die Einheitswährung abgelehnt haben. Als großes und vernünftiges Land wussten wir natürlich, dass es ohne den Euro nicht geht. Aber kleine Widerstandsnester nationalen Eigensinns finden wir doch sympathisch.

Ähnliches gilt auch immer noch für die Personenwagen von Volvo, selbst wenn das Unternehmen längst an Ford verkauft ist und die Wagen zum großen Teil in Belgien und den Niederlanden gebaut werden. Auch den ältesten Prä-Katalysator-Benzinschleudern traut man nicht wirklich einen hohen Schadstoffausstoß zu – so wie ein finnisches Nokia-Handy in unserer Vorstellung niemals so viel elektromagnetische Strahlung abgeben könnte wie ein schnödes Siemens-Gerät. In eine vergleichbare Affektkategorie fallen die Möbel von Ikea: fröhlich, billig und in ihrer Ausstrahlung egalitär – gutes Design für jedermann.

Ikea macht aber nicht nur ein Einrichtungsangebot, Ikea verkauft auch einen Entwurf des guten Lebens, und das gute Leben ist eben skandinavisch. Das »unmögliche Möbelhaus« habe dazu beigetragen, dass wir den Norden heute mit Sonne, Wärme und Sommerglück assoziierten, sagt die Kieler Volkskundlerin Silke Göttsch-Elten.

Im 18. und frühen 19. Jahrhundert entdeckte das Bildungsbürgertum Zentraleuropas den Norden als Gegenbild zur Antike – »kraftvoll, naturwüchsig, unverbraucht, aber eben auch dunkel und bedrohlich«. Dieses Bild, sagt Göttsch-Elten, habe sich nur langsam durch Schwedens Präsentationen auf den Weltausstellungen, die seit 1851 regelmäßig stattfanden, aufgehellt: Trachtengruppen traten dort auf, Samen in bunter Traditionskleidung führten ihre Rentierschlitten vor. »Die frühen Imagepfleger stellten Schweden als idyllisch, bäuerlich geprägt und von den Veränderungen der Industrialisierung unverdorben dar.«

Diese programmatische Idylle verewigte der schwedische Maler Carl Larsson (1853 bis 1919) in seinen Bildern: Besonders bekannt wurde bei uns Das Haus in der Sonne, eine in Buchform veröffentlichte Sammlung von Zeichnungen und Aquarellen aus Larssons Haus in Dalarna. In den siebziger Jahren machte Ikea Larssons Bilder dem deutschen Massenpublikum zugänglich. Die Einrichtungsgegenstände, die er malte, passten zur Ikea-Philosophie: Seine Ehefrau Karin, die von der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung um William Morris und John Ruskin inspiriert war, hatte sie selbst entworfen, ihre Möbel sollten leicht sein, die Wohnräume hell und luftig. Gesund wollte man leben, und ländlich. Besser hätte Ikea-Gründer Ingvar Kamprad sein eigenes Programm auch nicht formulieren können – oder genauer den Nerv der Deutschen treffen, die damals begannen, gegen den Gelsenkirchener Barock im Wohnzimmer aufzubegehren. Auch die Unwirtlichkeit der Großstädte, die eine Sehnsucht nach naturverbundenen Gegenentwürfen begründen konnte, trat in dieser Zeit mit Wucht ins gesellschaftliche Bewusstsein. Heute, in den hektischen Zeiten des flexiblen Kapitalismus, ist diese Sehnsucht stärker denn je.

Doch mindestens ebenso sehr wie Ikea haben zur lichten, sommerlichen Anmutung Skandinaviens die Kinderbücher von Astrid Lindgren beigetragen: Obwohl darin durchaus winterliche und weihnachtliche Episoden vorkommen, wirkt nichts stärker als jene Szenen, in denen Kalle Blomquist und seine Freunde in lauen Sommernächten durch die fliederduftenden Straßen ihrer kleinen Stadt schleichen – oder in denen die Kinder von Bullerbü zum Picknick auf die Insel im Nordhofsee rudern, um sich dort, im Gras liegend, mit Pfannkuchen, Pasteten und Fischklößchen vollzustopfen. Kindheit, Freiheit, Natur – das sind Lindgrens Themen, und viele Skandinavisierte mögen im Urlaub wie im Leben danach suchen.

Die Schwedenliebhaber stehen in der Hierarchie der Skandinavienreisenden eine Stufe über den Dänemarkurlaubern. Auch sie sieht man mit vollgepackten Autos, wartend auf die Fähren nach Göteborg und Stockholm. Fleecepullover, Fjällräven-Jacken und Wanderschuhe prägen die Szene, Kanus auf den Dachgepäckträgern und Fahrräder: höchst individueller Massentourismus.

Während Dänemark für den berechenbaren Urlaub steht, ist Schweden ein bisschen abenteuerlicher, ein bisschen drastischer, ein Land mit unglaublich viel Platz. Norwegen (sehr teuer) und Finnland (sehr weit weg und mit dem Auto kaum zu erreichen) sind weitere Eskalationsmöglichkeiten der Skandinavienliebe. Die absolute Krönung ist Island, dahin schaffen es im Jahr nur rund 30000 Hardcore-Begeisterte aus Deutschland.

Die nordische Idylle beschränkt sich nicht auf Äußerlichkeiten wie Pilzreichtum, saubere Seen, eigene Bootsstege und kleine ochsenblutrote oder leuchtend blaue Schärenhäuser. Wir vermuten sie auch in der Psyche einer Gesellschaft, die, anders als die unsere, mit sich selbst im Reinen zu sein scheint. Es ist eine entspannte, zumindest an der Oberfläche entformalisierte Gesellschaft, die das Siezen weitgehend abgeschafft hat, die kollektiv in legerer Freizeitkleidung auftritt und in der man sich die Schuhe auszieht und ein Haus auf Socken betritt. Überhaupt Häuslichkeit: Kaum irgendwo in der schickeren westlichen Welt dürfte es als Ausweis guten Geschmacks gelten, sich mit Zimmerpflanzen, Ziergegenständen für die Fensterbank, bedruckten Servietten und Kerzen zu umgeben. Skandinavisches Design befreit Gemütlichkeit offenbar vom Spießigkeitsverdacht.

Und der Sozialstaat! Zwar haben auch die Dänen den Kündigungsschutz gelockert, die Schweden gnadenlos gespart und die Finnen das Rentenalter auf 67 Jahre heraufgesetzt – doch der behütende, beschützende Eindruck des »Volksheims«, eines Staates, der für jeden in jeder Lebenslage da ist, bleibt bestehen. Was wir uns zu Hause niemals gefallen ließen, erscheint uns in Skandinavien sinnvoll und angemessen. Täte es nicht auch uns ganz gut, etwas weniger zu trinken? So rationalisiert der Schwedenurlauber den absurden Umstand, dass er in kleineren Dörfern sein Bier aus dem Katalog auswählen, an einem apothekenartigen Schalter bestellen und ein paar Tage später auf Rezept abholen muss.

Tolle Schulen, tolle Politikerinnen, tolle Kriminalromane

Dass der Volksheim-Gedanke auch in Zeiten des Globalisierungsdrucks fortlebt, mag etwas mit einem Phänomen zu tun haben, das Politologen appropriate behaviour nennen: In kleinen Ländern könnten Wirtschaftsbosse und Spitzenpolitiker nicht in gleichem Maße zuspitzen wie in Deutschland, England oder Frankreich, sagt der Potsdamer Politikwissenschaftler Werner Jann. Zu häufig habe jeder mit jedem zu tun, zu oft treffe man sich. Diese Enge schaffe eine spezielle öffentliche Rhetorik: Weder die großen Parteien noch mächtige Unternehmen stellten den Sozialstaat grundsätzlich infrage, wenn sie auch im Einzelnen durchaus auf Steuersenkungen oder die Kürzung sozialer Leistungen drängten. Ob freilich die Kehrseite des einträchtigen Lebens in kleinen Gesellschaften – Enge, soziale Kontrolle – den Großstädtern aus Berlin, Hamburg oder München auf Dauer gefallen würde, ist eine offene Frage.

Auf jeden Fall suchen auch die deutschen Linken im harmonischen Klima Skandinaviens gern nach neuen Politikansätzen: Reformen, die von hier kommen, klingen nicht nach Wegnehmen, sondern fortschrittlich. So wurde in der Nachbereitung der Pisa-Studie das erfolgreiche Finnland bei uns fast zu Tode zitiert. Das finnische Schulministerium musste extra einen Beamten einstellen, um die zahlreichen Pilgerdelegationen aus Deutschland überhaupt noch betreuen zu können. In Finnland fanden unsere Bildungspolitiker alles, was sich viele auch für zu Hause wünschen: winzige Gesamtschulen, geachtete und motivierte Lehrer, Disziplin und gutes Benehmen. Aber eben auch wenig Einwanderer, weshalb es unmöglich ist, dieses Modell mitzunehmen in ein 80-Millionen-Land mit zehn Prozent Migranten – das mag das Verlangen danach um so heftiger machen.

Aus sicherer deutscher Distanz verehrt, wenn auch nicht auf breiter Front nachgeahmt, wird die hohe Frauenerwerbstätigkeit in Skandinavien (rund 85 Prozent der Frauen arbeiten) und die Präsenz von Frauen in herausgehobenen Staatsämtern: So hatte Norwegen mit Gro Harlem Brundtland eine extrem populäre Premierministerin. Vigdis Finnbogadóttir war 16 Jahre lang isländische Staatspräsidentin. Schweden trauerte tief um seine ermordete Außenministerin Anna Lindh. Finnland konnte sogar vorübergehend auf eine weibliche Doppelspitze stolz sein, bis Ministerpräsidentin Anneli Jääteenmäki über einen Wahlkampfskandal stolperte, die Präsidentin der Republik Finnland, Tarja Halonen, ist noch im Amt. Es hört sich schon charmant an, wenn die finnische Krimiautorin Lena Lehtolainen auf Englisch sagt: »I am invited to dinner at our president’s tonight. I think her husband reads my books.«

Lehtolainen mit ihrer feministisch grundgebildeten Romanheldin Maria Kallio gehört zu einer weiteren Gruppe von skandinavischen Exportartikeln, die sich in Deutschland großer Beliebtheit erfreuen: Kriminalautoren. Heute biegen sich die Regale unserer Buchhandlungen unter Titeln von Karin Fossum, Åke Edwardsson, Leena Lander oder Gunnar Staalesen. Die Urform des Nordkrimis sind die in den siebziger Jahren erschienenen Romane von Maj Sjöwall und Per Wahlöö, die sich um die Figur des schwedischen Hauptkommissars Martin Beck ranken. Zu ihrer Beliebtheit trug in eigenartig ambivalenter Weise bei, wie sie am bewunderten sozialdemokratischen Volksheimstaat Kritik von links übten. Alles war eben auch im heilen Ikea-Schweden nicht perfekt, die Regierung korrupt, die Polizei darauf aus, Demonstranten zu verprügeln und einzig der Kommissar mit der kommunistischen Freundin aufrecht und anständig. Die Sjöwall-Wahlöö-Reihe bediente zwei deutsche Vorlieben: die Lust an Verschwörungstheorien und die Neigung zur Politikverdrossenheit.

Der große Erbe dieses Autoren-Duos ist natürlich Henning Mankell. Dessen Held Kurt Wallander teilt mit seinem Vorgänger Beck eine gescheiterte Ehe, ein schwieriges Verhältnis zu Frauen, gesundheitliche Probleme und einen düsteren Blick auf die Gesellschaft. Wallander ist allerdings weniger irritiert über den mangelnden Antikapitalismus der Regierung als über die emotionale und moralische Armut, die er in den Sozialhilfemilieus beobachtet: über die Ziellosigkeit der Jugend, über die Zunahme von Gewalt, Alkoholismus, Fremdenhass. Die depressive Grundstimmung des Kommissars – dessen Wirkungsort Ystad, an einem Sommertag besucht, zu den friedlichsten Plätzen zählen dürfte, die in Europa zu finden sind – passt gut ins emotionale Raster der in den letzten Jahren so niedergeschlagenen Deutschen.

Elend im Wohlstand, Regen, wenig Schlaf und immer zu viel Kaffee: Das ist ziemlich wie bei uns. Und doch verheißt Schweden, sogar Wallanders Schweden der Zukunftsangst, immer noch etwas, das uns abgeht, ein schwer fassbares Mehr an Identität, an Heimatgefühl: »Alles war still. Nur das Meer, das heranrauschte. Das Gefühl von Einsamkeit war grenzenlos. Aber ebenso das Gefühl, sich in einem Mittelpunkt zu befinden. Einem Platz, an dem der Blick sich weitete. Hier fängt Schweden an, dachte Wallander. Hier fängt es an und hier hört es auf. Die Schäre, die sich noch immer, langsam und unendlich aus dem Meer erhebt. Der schwedische Fels. Er spürte, dass er ergriffen war. Ohne genau zu wissen, wovon. Er versuchte, sich vorzustellen, wie es gewesen sein musste, hier draußen zu leben. Am äußersten Rande des Meeres, in undichten Holzhäusern, in Armut und unter ständigen Entbehrungen. Hier fing Schweden an, und hier hörte es auf…«

Wen bei diesen Worten ein Schauer ergreift, der spürt ihn, den Eros des Nordens. Die anderen mögen wahrscheinlich Italien.

 
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