Die Schären-FraktionSeite 4/4
Aus sicherer deutscher Distanz verehrt, wenn auch nicht auf breiter Front nachgeahmt, wird die hohe Frauenerwerbstätigkeit in Skandinavien (rund 85 Prozent der Frauen arbeiten) und die Präsenz von Frauen in herausgehobenen Staatsämtern: So hatte Norwegen mit Gro Harlem Brundtland eine extrem populäre Premierministerin. Vigdis Finnbogadóttir war 16 Jahre lang isländische Staatspräsidentin. Schweden trauerte tief um seine ermordete Außenministerin Anna Lindh. Finnland konnte sogar vorübergehend auf eine weibliche Doppelspitze stolz sein, bis Ministerpräsidentin Anneli Jääteenmäki über einen Wahlkampfskandal stolperte, die Präsidentin der Republik Finnland, Tarja Halonen, ist noch im Amt. Es hört sich schon charmant an, wenn die finnische Krimiautorin Lena Lehtolainen auf Englisch sagt: »I am invited to dinner at our president’s tonight. I think her husband reads my books.«
Lehtolainen mit ihrer feministisch grundgebildeten Romanheldin Maria Kallio gehört zu einer weiteren Gruppe von skandinavischen Exportartikeln, die sich in Deutschland großer Beliebtheit erfreuen: Kriminalautoren. Heute biegen sich die Regale unserer Buchhandlungen unter Titeln von Karin Fossum, Åke Edwardsson, Leena Lander oder Gunnar Staalesen. Die Urform des Nordkrimis sind die in den siebziger Jahren erschienenen Romane von Maj Sjöwall und Per Wahlöö, die sich um die Figur des schwedischen Hauptkommissars Martin Beck ranken. Zu ihrer Beliebtheit trug in eigenartig ambivalenter Weise bei, wie sie am bewunderten sozialdemokratischen Volksheimstaat Kritik von links übten. Alles war eben auch im heilen Ikea-Schweden nicht perfekt, die Regierung korrupt, die Polizei darauf aus, Demonstranten zu verprügeln und einzig der Kommissar mit der kommunistischen Freundin aufrecht und anständig. Die Sjöwall-Wahlöö-Reihe bediente zwei deutsche Vorlieben: die Lust an Verschwörungstheorien und die Neigung zur Politikverdrossenheit.
Der große Erbe dieses Autoren-Duos ist natürlich Henning Mankell. Dessen Held Kurt Wallander teilt mit seinem Vorgänger Beck eine gescheiterte Ehe, ein schwieriges Verhältnis zu Frauen, gesundheitliche Probleme und einen düsteren Blick auf die Gesellschaft. Wallander ist allerdings weniger irritiert über den mangelnden Antikapitalismus der Regierung als über die emotionale und moralische Armut, die er in den Sozialhilfemilieus beobachtet: über die Ziellosigkeit der Jugend, über die Zunahme von Gewalt, Alkoholismus, Fremdenhass. Die depressive Grundstimmung des Kommissars – dessen Wirkungsort Ystad, an einem Sommertag besucht, zu den friedlichsten Plätzen zählen dürfte, die in Europa zu finden sind – passt gut ins emotionale Raster der in den letzten Jahren so niedergeschlagenen Deutschen.
Elend im Wohlstand, Regen, wenig Schlaf und immer zu viel Kaffee: Das ist ziemlich wie bei uns. Und doch verheißt Schweden, sogar Wallanders Schweden der Zukunftsangst, immer noch etwas, das uns abgeht, ein schwer fassbares Mehr an Identität, an Heimatgefühl: »Alles war still. Nur das Meer, das heranrauschte. Das Gefühl von Einsamkeit war grenzenlos. Aber ebenso das Gefühl, sich in einem Mittelpunkt zu befinden. Einem Platz, an dem der Blick sich weitete. Hier fängt Schweden an, dachte Wallander. Hier fängt es an und hier hört es auf. Die Schäre, die sich noch immer, langsam und unendlich aus dem Meer erhebt. Der schwedische Fels. Er spürte, dass er ergriffen war. Ohne genau zu wissen, wovon. Er versuchte, sich vorzustellen, wie es gewesen sein musste, hier draußen zu leben. Am äußersten Rande des Meeres, in undichten Holzhäusern, in Armut und unter ständigen Entbehrungen. Hier fing Schweden an, und hier hörte es auf…«
Wen bei diesen Worten ein Schauer ergreift, der spürt ihn, den Eros des Nordens. Die anderen mögen wahrscheinlich Italien.
- Datum 03.08.2011 - 11:44 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.06.2004 Nr.26
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