Kino Zuchtbullenschau des Kinos

Kulturstaatsministerin Christina Weiss setzt die Zukunft des Deutschen Filmpreises aufs Spiel

Vor einiger Zeit wurde eine Hand voll deutscher Filmschaffender gleichsam über Nacht von einem gewaltigen Kommunikationsbedürfnis befallen. Man müsse endlich mehr miteinander reden, hieß es, sich austauschen, geschlossener auftreten. Die Idee einer deutschen Filmakademie war geboren.

Nun ist es immer schön, wenn Menschen aufeinander zugehen, sich treffen, ihre Probleme besprechen. Die Akademie als cinephiler Salon und fröhliches Sit-in der Branche? Glamouröse Jubiläen, Konkursworkshops für Produzenten, Podien mit Hanna Schygulla und Joseph Vilsmaier? Ein entscheidender Aspekt ließ die von dem Münchner Produzenten Bernd Eichinger begründete Initiative allerdings ein wenig seltsam aussehen: Reden ja, aber nur gegen Bezahlung! Tatsächlich definierte sich die Filmakademie von Anfang an vor allem über den Zugriff auf einen fetten Batzen Steuermillionen. Der deutsche Filmpreis, die mit fast drei Millionen Euro höchstdotierte kulturelle Auszeichnung des Landes, soll in Zukunft von den Vertretern der Branche selbst ermittelt werden.

Anzeige

Schnell ließ sich Kulturstaatsministerin Christina Weiss von der Akademie-Lobby überzeugen. An diesem Freitag werden die Gewinner der Filmpreise zum letzten Mal von einer unabhängigen, das heißt von den Vertretern verschiedener Gesellschaftsgruppen besetzten Jury bestimmt werden.

Man könnte meinen, dass nun alles seinen normalen Gang gehe, dass der Branche gegeben sei, was der Branche gebührt. Man könnte aber auch behaupten, dass die Kulturstaatministerin nach der in zentralen Punkten vergeigten Novelle des Filmförderungsgesetzes gerade an einer weiteren filmpolitischen Weichenstellung gescheitert ist. Dass sie sich ein so renommiertes Förderinstrument wie den Filmpreis von einer mit mildem Prominentenglanz auftretenden Interessengruppe abluchsen lässt.

Mit geradezu bewundernswerter Sturheit argumentierte Christina Weiss bisher an allen warnenden Stimmen vorbei. Gerne erwähnt sie die französischen Goyas, die britischen Bafta-Awards, die französischen Césaren und hin und wieder auch die Oscars als gelungene Beispiele von Preisen, die von den Filmakademien der jeweiligen Länder verliehen werden. Entscheidend ist aber, dass diese Auszeichnungen undotiert sind, symbolische Feier einer selbstbewussten Branche und eben nicht von den Staatsmillionen vergoldet, nach denen sich die deutsche Filmakademie so begehrlich streckt.

Als „Leistungsschau des deutschen Films“ verkündete Bernd Eichinger bei einer Anhörung im Bundeskulturausschuss die Zukunft eines von der Akademie organisierten deutschen Filmpreises. Das klingt nach prachtvollen Zuchtbullen. In Wahrheit erinnert die deutsche Filmwirtschaft jedoch an eine schwächliche Kuh, die aus einer zersplitterten Gremien-, Industrie- und Lobbypolitik ihre täglichen Wachstumsspritzen erhält. Gerade weil jedes einzelne Bundesland seine eigene Filmförderung betreibt, die zum großen Teil an Regionaleffekte beziehungsweise wirtschaftliche Aspekte gebunden ist, war der deutsche Filmpreis stets ein wichtiger kultureller Förderpreis – und als solcher eine Subvention. Es hat eine gewisse Logik, dass über Subventionen nicht die Subventionierten entscheiden und etwa die Agrarmillionen nicht vom Bauernverband aufgeteilt werden. Hier liegt denn auch der Geburtsfehler der deutschen Filmakademie: Präpotent fordern die Akademisten einen Branchenpreis, der die Existenz einer florierenden Filmindustrie simulieren soll. In Wirklichkeit grabscht man jedoch wie eh und je nach den staatlichen Fördertöpfen und hängt selbst mit der Symbolik der Akademiegründung kleinkindhaft am Rockzipfel von Mama Staatsministerin.

Sollte der deutsche Filmpreis im nächsten Jahr wirklich per Mehrheitsentscheid von der Akademie ermittelt werden, dann bedeutet dies auch eine inhaltliche Neudefinition. Weg von einer nicht immer mutigen, aber doch unberechenbaren Auszeichnung, ausdiskutiert von einer Jury, die alle nominierten Filme gesehen hat. Hin zu einem durchbürokratisierten Verfahren, bei dem die anvisierten 2500 Akademiemitglieder flächendeckend mit Videokassetten beschickt werden und per Knopfdruck ihren kleinsten gemeinsamen Nenner ermitteln. Selbst prominente Akademiemitglieder wie die Regisseurin Caroline Link räumen ein, dass das zukünftige Procedere Ausreißerentscheidungen wie etwa Christian Petzolds Film Die innere Sicherheit ausschließt. Nur Christina Weiss wehrt sich immer noch beharrlich gegen Heiner Müllers Binsenweisheit, dass zehn Deutsche natürlich dümmer sind als fünf Deutsche.

Service