biotechnik Nancys heilige Pflicht

Reagans Witwe zwingt Amerika zu einer neuen Stammzelldebatte

Alles schien sich zu fügen. Die Nation würde Ronald Reagan bestatten und quasi heilig sprechen. Vom Glanz des toten Helden sollte etwas abstrahlen auf den heutigen Präsidenten George W. Bush. Exakt im Wahljahr müsste sich der Eindruck ausbreiten, dass der Kämpfer wider den Kommunismus und der Kämpfer wider den Terrorismus aus demselben Holz geschnitzt sind. Denselben Prinzipien verpflichtet, genauso standhaft – und genauso erfolgreich. Es kam anders. Plötzlich tritt die Witwe zwischen Ahnherr und Erbe. Nancy Reagan will den Namen Reagan mit einem staatlichen Programm zur Stammzellforschung verbunden sehen.

Der Traditionsflügel von Amerikas Konservativen pocht nämlich auf die gottgewollte Ordnung: Im Kern ihrer ideologischen Abwehrschlacht steht absoluter Lebensschutz; der Embryo ist unantastbar. Nun aber droht Wahlfreiheit. Inzwischen kann man sich das Geschlecht von Kindern aussuchen; Eltern bestimmen über die Anzahl von Babys, über Aussehen, Geburt, Abtreibung.

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Gelingt es aber, dem Embryo Rechte zu verleihen, werden Abtreibung sowie Forschung an embryonalen Stammzellen unmöglich. Dieses Ziel ist innerhalb der Rechten umstritten. Den Konservatismus prägen gleichermaßen Gewinnstreben und Fortschrittsglaube. Wo Heilung lockt, will sich nicht jeder Konservative aus der Stammzell-Forschung zurückziehen.

Vor drei Jahren vermittelte Bush einen Kompromiss zwischen beiden Denkschulen. Seither gibt es keine staatliche Förderung für Forschung mit embryonalen Stammzellen mehr. Schon damals lehnte Nancy Reagan diese Regelung ab. Sie hoffte, eines Tages werde die Medizin Alzheimer heilen können, jene Krankheit, an der ihr Mann litt. „Mein Mann und ich halten es für unsere heilige Pflicht, dazu beizutragen, dass nie wieder eine Familie das durchmachen muss, was wir durchzustehen haben“, schrieb sie dem Präsidenten.

Aus Partei-Loyalität veröffentlichte sie den Brief damals nicht. Im Mai aber verlor sie die Geduld und sprach erstmals öffentlich: „Ich verstehe nicht, wie wir diesen Dingen den Rücken zukehren können. Wir haben doch schon so viel Zeit verloren.“ Postwendend appellierten 206 Kongressmitglieder (darunter drei Dutzend Abtreibungsgegner) an Bush, die Regeln für die Stammzellforschung zu lockern. Der Brief der Senatoren wurde am Tag vor Ronald Reagans Tod publik.

Der Name Reagan steht für die Wiedergeburt der Republikaner als Partei des Moralismus. Nun zwingt er die Partei dazu, zu definieren, was dieses Vermächtnis heute bedeutet: Kommt unumschränkter Schutz ungeborenen Lebens vor Schutz existierenden Lebens? Die Autorität der Witwe sorgt dafür, dass sich die Konservativen um diese Debatte nicht drücken können. Nancy Reagan hat George Bush mitten im Wahljahr in die Zwickmühle gebracht.

Thomas Kleine-Brockhoff

 
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