medizin „Es gibt da eine Grauzone“
In Gießen sollen Versuche an Menschen unternommen worden sein, ohne dass die Patienten davon wussten. Der Marburger Pharmakologe Hannsjörg Seyberth fordert eine unabhängige Pharmaforschung
die zeit: Hat es Sie überrascht, dass in Gießen angeblich Pharmastudien an Patienten ohne deren Einverständnis durchgeführt wurden?
Hannsjörg Seyberth: Früher, in den siebziger und achtziger Jahren, waren Medikamentenversuche ohne Aufklärung der Patienten sehr verbreitet. Damals haben sich die forschenden Kliniker kaum um Ethikkommissionen gekümmert. Die Gießener Versuche sind aber in den neunziger Jahren durchgeführt worden. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Einwilligung der Patienten und das Votum von Ethikkommissionen eigentlich ernst genommen. Dass Patienten ohne Aufklärung getestet wurden, hätte also nicht mehr vorkommen dürfen.
zeit: Wie kann es trotzdem dazu kommen?
Seyberth: Es gibt da eine Grauzone zwischen einer systematischen Pharmastudie, bei der alles genau geregelt ist, und der experimentellen Anwendung von Medikamenten im so genannten Heilversuch. In diesem Fall können im Rahmen der Therapiefreiheit Medikamente, die für eine bestimmte Anwendung nicht zugelassen sind, zum Nutzen des Patienten auch ohne dessen Zustimmung gegeben werden. Solche individuellen Heilversuche machen Ärzte in Extremsituationen, wo nichts anderes mehr hilft. So etwas geschieht dann einmal, zweimal, dreimal. Dann naht der nächste Kongress, und der Arzt stellt die Fälle für einen Vortrag zusammen. Auf diese Weise wird aus den wiederholten Einzelfällen plötzlich eine klinische Studie. Auf dem Weg dorthin haben die Ärzte den Zeitpunkt verpasst, ihre Untersuchung der Ethikkommission vorzustellen – das wird dann auch nicht mehr nachgeholt. Manchmal ist der Arzt auch in der schwierigen Lage, dass Patienten ein Medikament benötigen, das nicht für ihre Erkrankung getestet ist. Um sich zu helfen, testet der Arzt das dann in einer kleinen Serie. Gute Wissenschaft läuft natürlich nicht so ungeplant.
zeit: Könnte so etwas in Gießen passiert sein?
Seyberth: Ob die Versuche wirklich mit den Patienten besprochen worden sind oder sich der behandelnde Arzt auf seine Therapiefreiheit beruft, kann ich nicht beurteilen. Aber es heißt, in Gießen seien auch die Blutspiegel von Medikamenten gemessen worden. Das deutet darauf hin, dass eine wissenschaftliche Studie beabsichtigt war. In diesem Fall hätte das Vorhaben in jedem Fall mit den Patienten besprochen werden müssen. Die Gießener Ethikkommission ist sehr streng. Möglicherweise haben sich die Ärzte aber nicht an die geforderte Aufklärungspflicht gehalten.
zeit: Insgesamt klingt das, als ob in Deutschland unbedarfte Hobbyforscher am Werk sind.
- Datum 17.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.06.2004 Nr.26
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