roman Himmel der Musik, Hölle des Lebens

Der Amerikaner Richard Powers bewegt sich auf dem höchsten denkbaren Niveau der Gleichgültigkeit

D das neueste und hoch gelobte Werk des amerikanischen Autors Richard Powers, ist in der Tat ein beeindruckender, ein virtuoser Roman, aber gerade seine Virtuosität gerät ihm zum Verhängnis. Wer je Gelegenheit hatte, den schon als Wunderkind berühmten Pianisten Jewgenij Kissin zu hören, wird dieses ambivalente Gefühl verspürt haben: Man bewundert die schier unglaubliche Perfektion, aber sie lässt einen kalt.

Auch dieser Roman, der die Geschichte eines deutsch-jüdischen Emigranten, seiner afroamerikanischen Frau und ihrer drei Kinder – darunter ein göttlicher Sängerknabe, aus dem ein berühmter Tenor wird – in seinem Zentrum hat, besitzt jene kalte Perfektion, die am Ende zu einer äußerst gepflegten Langeweile führt.

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Wir lernen eine Menge über die Geschichte der USA der vergangenen hundert Jahre, über die sozialen Konflikte, über die Bürgerrechtsbewegung, über Antisemitismus und Rassenhass; wir treten ein in das Reich der Musik und erleben ihren Reichtum, ihre Schönheit; und wir bemerken durchaus, dass Powers sich auf all diesen Feldern (und noch auf einigen mehr) eine sachliche Kompetenz erarbeitet hat, die staunenswert ist. Auch beherrscht er das klassische Erzählhandwerk mit seinem abgewogenen Wechsel von Dialog und Vogelperspektive, von sprechendem Detail und Panoramablick so gut, dass er in jedem Schreibseminar ein A plus kriegen müsste.

Und doch: Je länger man liest, umso müder wird man – und wundert sich darüber. Denn zeugt nicht diese Geschichte beispielhaft vom Glanz und Elend der amerikanischen Verheißung? Und kündet das Buch nicht in den höchsten Tönen vom Widerspruch zwischen dem Himmel der Musik und der Hölle des irdischen Lebens?

Ja, ja. Aber irgendwie kommt uns das bekannt vor, und wer je eine Zeile von Philip Roth gelesen hat, der weiß den Unterschied zwischen Virtuosentum und Kunst. Dieser Roman hat keine Notwendigkeit im Sinne des Wortes: Weder treibt den Autor eine Not, noch verspürt der Leser eine Not, die durch die Kunst des Erzählens abgewendet werden müsste. Der Klang der Zeit bewegt sich auf dem höchsten denkbaren Niveau der Gleichgültigkeit. Ulrich Greiner

Richard Powers:

Der Klang der Zeit

Roman; aus dem Englischen von

Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié;

S. Fischer Verlag, Frankfurt

am Main 2004; 764 S., 22,90 ¤

 
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