Die tote Tochter

Der niederländische Autor P. F. Thomése trauert um sein Kind und rührt an die großen Fragen des Lebens

So was möchte man nicht lesen. Ein Kind stirbt, ein kleines Mädchen, das seinen Namen noch nicht kennt. Die Ärzte geben das Kind verloren. Spät in der Nacht werden alle Schläuche und Infusionen entfernt, springen alle Anzeigen auf null, ein letzter Seufzer. Als würde irgendwo eine Tür aufgeweht. Danach sind die Eltern allein.

Jeden Tag steht so etwas in der Zeitung, Kind überfahren, Kind verbrüht, Kind vom Stiefvater zu Tode geprügelt, von deutschen BMW-Fahrern oder amerikanischen Piloten in Ausübung ihrer beruflichen Pflichten von der Lebensbahn gekickt. Auf den Totenscheinen des irakischen Stadtkrankenhauses von Nasirija stehen im Jahr 2003 immer wieder die Geburtsjahre 1997, 2000, 1999, 1993, 1992.

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Das ist unerträglich. Darin ist nichts Kunstvolles, keine Rede mehr von „des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen“. Das Unerträgliche, darauf scheint man sich in der Moderne geeinigt zu haben, ist kein Fall für Literatur. Das Unerträgliche hat die Literatur genauso wie der seriöse Journalismus, von grandiosen Ausnahmen abgesehen, der Trivialliteratur und dem Boulevard überlassen. Die letzten Minuten in den einstürzenden Twin Towers, die letzten Gedanken des von Islamisten exekutierten amerikanischen Reporters – das alles ist in geschmackloser, anmaßender Aufbereitung in den vergangenen Monaten zu Büchern und Reportagen gemacht worden.

Nun ist da dieses tote Mädchen, Isa Thomése. Eines von Millionen toter kleiner Mädchen, über die unendlich viel geweint und nahezu nie etwas geschrieben wurde. Ihr Vater allerdings ist Schriftsteller. Kein ganz großer. Einige historische Romane und Erzählungen hat er verfasst, einen schönen kleinen Roman über einen verirrten, grüblerischen Einzelgänger. Drei Bücher sind von P. F. Thomése, 1958 in den Niederlanden geboren, bisher nahezu ohne Resonanz ins Deutsche übersetzt worden. Das vierte, das Buch über Isa, sein totes Schattenkind, ist ein erschütterndes und großartiges literarisches Dokument. Eines, das die Regel, nach der das Unerträgliche in der modernen Literatur stets eine Peinlichkeit darstellt, außer Kraft setzt.

Als das schmale Buch anfängt, ist Isa schon tot. „Heute einen Zaun gezogen“, heißt der erste Satz. Er könnte auch heißen: Heute ein Buch begonnen. Ein Buch wie ein gezogener Zaun, nicht die schwergewichtige Haupt- und Staatsaktion im Schriftstellerdasein, nicht die große lebensverschlingende Kunstanstrengung, sondern ein Notizbuch, ein Beiwerk zu etwas, das viel umstürzender ist als die Kunst – der Tod des eigenen Kindes.

Viele haben das erfahren. Von Tolstojs dreizehn Kindern überlebten zehn, die Familie Bach dezimierte sich um zehn Kinder, in den Werken der Künstler findet sich davon kaum eine Spur. Von Lessing, nachdem er Frau und Kind verlor, ist nur der legendäre Satz übermittelt: „Nun habe ich auch diese Erfahrung gemacht.“ Thomése sucht in seinen Lieblingsbüchern von Nabokov und Flaubert nach toten Kindern. Aber sowohl in der Erziehung der Gefühle als auch in Laughter in the Dark verlieren die Hauptpersonen en passant in ein, zwei Absätzen ein Kind, und unberührt geht die Geschichte weiter. Warum?, fragt er sich. „Müssen sie denn nicht erst wieder gehen lernen, sprechen lernen, leben lernen“?

Alle bekannten Gefühle lösen sich völlig auf

Darum geht es in diesem kleinen Buch. Um die völlige Auflösung aller bekannten Hinsichten und Gefühle, um das Verhältnis zum Tod und zur Abwesenheit. Dem verwaisten Vater geht die Welt verloren, ihre Bedeutung und ihr Gewicht. In alter Zeit, als die Ressource Kind noch unerschöpflich zu sein schien und das Verhältnis zu Gott ungestörter war, mag der Tod eines Kindes kein so weltumstürzendes Ereignis gewesen sein. Seitdem Kinder jedoch zum letzten Statthalter von Transzendenz und Überzeitlichkeit im Leben der kinderarmen Wohlstandsgesellschaften geworden sind, bricht mit dem Verlust des Kindes das gesamte Einrichtungshaus der Existenz zusammen.

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