Die Sängerin betritt die Bühne, und es ist, als hätte jemand die Tür aufgelassen an diesem regnerischen Abend, ein kühler Wind weht. Alles an ihr ist makellos, der Körper, das Profil, die Stimme. Der elegante schwarze Hosenanzug, die braune Haut, das kalkuliert Androgyne. Vollkommenheit erzeugt Distanz, auch bei mir.

Das Jazzcafé auf dem Gelände der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg ist eine Berliner Einrichtung wider den Zeitgeist. Allein der Name, der sich so selbstverständlich der modischen Ironie verweigert, klingt irgendwie elitär: Jazzcafé. Ein warm beleuchteter Ort mit Singer-Flügel. Die Jazzfans, ältere Rotweintrinker mit Hochschulabschluss und ausgedünntem Haupthaar, deren Restrebellion sich im rhythmischen Wippen ihrer Bluejeansbeine ausdrückt, besetzen die erhöhte rechte Tischreihe, die Laufkundschaft verteilt sich an den Tischen zu ihren Füßen.

Jetzt zeigt die Sängerin ihr ganzes Gesicht. Es ist nicht so makellos wie ihr Profil, auch kommt es nun vor, dass sie lächelt. Die Distanz schmilzt, die Stimme aus Kraft und Tiefe erreicht mich, ich bin entzückt. Sie wähle ich aus, sie wird meine Bekanntschaft. In den Pausen reden wir. Lyambiko trinkt koffeinfreien Kaffee. Koffeinfrei? Das Leben ist aufregend genug. Die Sängerin wurde in Thüringen geboren, in Greiz. Ihre schöne junge Mutter, beherrscht von einer unter DDR-Menschen verbreiteten Weltsehnsucht, verliebte sich in einen Fremden, in Herrn Lyambiko, der nach Abschluss seines Studiums nach Afrika zurückgeschickt wurde. Seine Tochter war noch klein, als er fortging. Seit sie Jazzsängerin ist, nennt sie sich Lyambiko, ihren eigentlichen Namen verschweigt sie. Lyambiko – ein Bekenntnis? Ja, ich habe meinen Vater gesucht, ich habe ihn gefunden. Nach 27 Jahren, im September werde ich ihn treffen, in Mwanga in Tansania, er hat geweint am Telefon. In Lyambikos Gesicht spiegelt sich der ferne Kontinent, das krause Haar ist millimeterkurz.

Wie sind Sie Jazzsängerin geworden? Ich wollte Musiklehrerin werden. Sie haben Knötchen auf den Stimmbändern!, hatte der Doktor in der Phoneatrie verkündet, aus der Traum! Ich habe gekellnert, ein Semester Musikwissenschaft studiert und auf Jazz-Sessions gesungen, einmal auch im A-Trane in Berlin. Da geschah es. Kurz bevor ich dran war, vor Lampenfieber schon ganz krank, ging ein Raunen durch den Club: Mark Murphy ist da. Murphy, ein Urgestein des Jazz mit weißem Haar und weißem Schnauzer, sang Summertime, witzelte ein bisschen rum und setzte sich an die Bar, wo er mit irgendjemandem quatschte. Ich rechnete nicht damit, dass er mir zuhörte. Später erfuhr ich, dass ihn der Chef des Ladens angerufen hatte, er solle schnell kommen und mich hören. Der zitierte mich in sein Büro und fragte: Möchten Sie nicht ein eigenes Konzert im A-Trane geben? Es war wie in Hollywood.

Lyambiko hat nicht immer Glück gehabt, frühe Schatten fielen auf ihr Leben, sie will nicht, dass das in der Zeitung steht, wir reden lieber über das Alltägliche. Manchmal wird eine Band mit schwarzer Sängerin gesucht, darauf reagieren wir gar nicht, berichtet sie, wenn Leute Dschungelfieber haben, sind sie hier an der falschen Adresse.

Auf einer Einladung für ihr nächstes Konzert hat sie noch langes, glatt gezogenes Haar. Warum haben Sie sich die Haare abschneiden lassen? Ich wollte nicht mehr gefällig aussehen. Lyambiko geht auf die Bühne. " Shades of delight" – Schatten des Entzückens – heißt eine Zeile in ihrem Song. Die Tür nach draußen steht tatsächlich offen.