Biografie Deutsche Kontinuitäten

Schleyer und die RAF: Lutz Hachmeister schrieb eine tiefgründige Biografie

Als im letzten Jahr der Streit um die RAF-Ausstellung kulminierte, griff einer der Kommentatoren – Heribert Prantl von der – auf eine der Seefahrt entlehnte Metapher zurück. Der Journalist schrieb, dass die Jahre des RAF-Terrors wie ein versunkenes Schiff auf dem Grund der Geschichte der Bundesrepublik lägen. Spätestens seitdem sich andere Gefahrenherde wie der islamistische Terrorismus in den Vordergrund gedrängt hätten, sei es an der Zeit, das Wrack nun endlich zu hieven.

An dieser „Schiffshebung“ haben sich, wenn man im Bild bleiben will, bereits die Vertreter ganz unterschiedlicher Genres ausprobiert: Schriftsteller, Filmemacher, Theaterregisseure, Künstler, Zeithistoriker und zahlreiche ehemalige Mitglieder und Sympathisanten der RAF. Und wenn der Eindruck nicht ganz täuscht, dann werden sich in nächster Zukunft wohl ganze Expertenteams mit derartigen „Bergungsarbeiten“ beschäftigen.

Anzeige

Es sind allein drei Filmprojekte, die um den Siebziger-Jahre-Terrorismus kreisen und deren Dreharbeiten bereits in diesem Jahr beginnen sollen. Andres Veiel, der preisgekrönte Regisseur von Black Box BRD, will Gerd Koenens Dreifach-Biografie Vesper, Ensslin, Baader in Bilder übersetzen, Josef Rusnak, einer der wenigen deutschen Regisseure, denen es gelungen ist, in Hollywood Fuß zu fassen, will mit Die Vierte Generation die Schlüsselszenen der RAF aus der heutigen, durch den Al-Qaida-Terrorismus geprägten Optik neu in Szene setzen, und mit Steven Spielberg wagt sich der wohl erfolgreichste Filmemacher der Gegenwart im Anschluss an den mit einem Oscar ausgezeichneten Dokumentarfilm von Arthur Cohen Ein Tag im September daran, das Attentat auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972 in München zu verfilmen.

In Wagenburgen verschanzt

Im Vergleich zu derartigen Projekten wirken Buchpublikationen zweifelsohne bescheiden. Unter den Neuerscheinungen befindet sich jedoch eine, die zunächst einmal – und zwar unter demselben Titel – als Film realisiert wurde. Die Rede ist von Lutz Hachmeisters Dokumentation Schleyer. Eine deutsche Geschichte. Der Medienwissenschaftler, Jahrgang 1958, der an der Universität Dortmund lehrt, ein halbes Jahrzehnt das Adolf-Grimme-Institut in Marl geleitet und nun für ebenjenen Film selbst einen Grimme-Preis in Gold erhalten hat, war zweifelsohne ein Wagnis eingegangen, als er nicht nur die Familienangehörigen des 1977 von der RAF ermordeten Hanns Martin Schleyer und die mutmaßlichen Mörder interviewte, sondern auch die NS-Karriere des einst als „Boss der Bosse“ apostrophierten Arbeitgeberpräsidenten auszuleuchten versuchte. Er musste dafür das Risiko in Kauf nehmen, dass sein Porträt als eine nachträgliche Rechtfertigung der Entführung und Ermordung Schleyers hätte missverstanden werden können. Nun, dieser Gefahr ist er nicht erlegen.

Was den im letzten Sommer sowohl in den Kinos als auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigten Film jedoch zu einem verstörenden Seherlebnis gemacht hat, ist der Eindruck, dass sich in der Verarbeitung der schockierenden Ereignisse vom Herbst 1977 nichts verändert zu haben scheint. Während einer der Entführer nicht müde wird, an der Logik des Liquidierens festzuhalten, und keine Scheu besitzt, dafür die Leidensgeschichte seines Vaters, eines polnischen Zwangsarbeiters, in Anspruch zu nehmen, bleiben die Witwe und die Söhne des Ermordeten ganz in ihrer Familiensaga haften, ohne auch nur mit einem einzigen Gedanken dessen NS-Karriere zu problematisieren. Auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem „Deutschen Herbst“, wie „die schlimmsten Wochen in der Geschichte der Bundesrepublik“ (Walter Scheel) einst genannt wurden, scheint kein grundlegender Wandel eingetreten zu sein. Wie in mentalen Trutzburgen haben sich offenbar die Angehörigen des Opfers ebenso wie ehemalige RAF-Kader, die ihre Haftstrafe inzwischen längst verbüßt haben, verschanzt.

Was der Film an Fragen notgedrungen offen lassen musste, das sollte nun – so die nahe liegende Erwartung – die Monografie beantworten, ausdifferenzieren und auch belegen können. Das Buchprojekt habe, wie Hachmeister in einer Nachbemerkung betont, auf ganz eigenen Füßen gestanden und sei – zumindest als Idee – dem Film vorausgegangen. Es verstehe sich als „Kombination aus biographischer Recherche und sozialwissenschaftlicher Institutionenanalyse“ und wolle sich an den Standards der modernen Zeitgeschichtsforschung messen lassen. Es gehe ihm nicht um eine voreilige historisch-politische Wertung, sondern um eine „verstehende Darstellung“, genauer um das „Sich-Hineinfühlen“ in die Motive und die Lebenswelt seines Protagonisten. Um diesen Anspruch erfüllen zu können, müsse man zuerst die „fortdauernde Okkupation der Biographie Hanns Martin Schleyers durch die RAF“ durchbrechen.

Hachmeister schildert in fünf ebenso umfangreichen wie quellengesättigten Kapiteln die Biografie des in Offenburg geborenen Sohnes eines späteren Landgerichtsdirektors, seinen Eintritt in die Schülerverbindung Teutonia, in die HJ, die Studentenverbindung Suevia, dann in die SS und später auch in die NSDAP. Schleyer, der in Heidelberg als einer der Protagonisten der nationalsozialistischen Studentenbewegung avanciert, ist schon bald, wie er einmal mit Stolz bekennt, „ein alter Nationalsozialist und SS-Mann“. Nach einer Zwischenstation an der Universität in Innsbruck, wo er zum Dr. jur. promoviert, und einer kurzen Episode als Gebirgsjäger in Frankreich wird er in dem von der deutschen Wehrmacht besetzten Prag zunächst Leiter des Studentenwerks und schließlich Leiter des Präsidialbüros des Zentralverbandes der Industrie für Böhmen und Mähren. Durch glückliche Umstände kann er sich bei Kriegsende in Richtung Westen absetzen. Zwar wird er bald darauf in Konstanz von französischen Militärs verhaftet und drei Jahre lang interniert, jedoch gelingt es ihm, von der Entnazifizierungsspruchkammer lediglich als „Mitläufer ohne Sühnemaßnahmen“ eingestuft, bereits im Frühjahr 1949 als Referent für Außenwirtschaft bei der Industrie- und Handelskammer Baden-Baden einzusteigen.

Eine exemplarische Karriere

Die zwei Jahre später einsetzende Karriere bei Daimler-Benz, die ihn über die Leitung der Personalabteilung bis in die Chefetage führt, wo ihm allerdings der Posten des Vorstandsvorsitzenden verwehrt bleiben sollte, ist spätestens mit seiner Rolle als Vorsitzender des Verbandes der Metallindustrie beim baden-württembergischen Metallarbeiterstreik von 1963, in dem er die erste Totalaussperrung seit dem Krieg durchsetzte, in die bundesdeutsche Geschichte eingegangen. Als er im September 1977 von einem RAF-Kommando entführt wird, ist er vier Jahre Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und neun Monate Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Das Bild vom Exnazi, der in der Nachkriegszeit zur Personifizierung des Großkapitals wurde, war entscheidend für seine Wahl als Entführungsopfer. Mit einem solch hochkarätigen Repräsentanten der Wirtschaftselite, so die Spekulation des RAF-Kommandos, würden sich die in Stammheim einsitzenden RAF-Gründer am ehesten freipressen lassen. Doch bekanntlich trog diese Erwartung. Die Bundesregierung wollte sich nach der Lorenz-Entführung kein weiteres Mal erpressen lassen.

Was Hachmeister am Beispiel Schleyers zuweilen ein wenig langatmig und keineswegs lückenlos illustriert, ist nichts anderes als eine zeitweilig zwar gefährdete, letztlich jedoch überraschend komplikationslos zustande gekommene Elitentransformation. Zwar hat es 1945 einen Systembruch zwischen der NS-Diktatur und der Nachkriegsdemokratie gegeben, jedoch keinen wirklichen Bruch in der Karriere manch eines überzeugten Nazis, der aus den mittleren Rängen stammte. Im Gegenteil – der steile Aufstieg Schleyers in den fünfziger und sechziger Jahren veranschaulicht, wie die im Protektorat erworbenen Fähigkeiten des Wirtschaftsplaners als profunde Voraussetzung für die Karriere bei Daimler-Benz, bei BdA und BDI dienen konnten.

Zwei Thesen hat Hachmeister aus seiner Studie entwickelt: 1. In jener „Verwandlungs- und Kontinuitätszone zwischen der ,Volksgemeinschaft‘ des ,Dritten Reiches‘, dem NS-Staatsterrorismus und der nach Westen orientierten Nachkriegsdemokratie“ liege „der historische Grund des Linksterrorismus“. 2. Die RAF habe „mit ihrem Vater- und Staatskomplex“, der schließlich zu Schleyers Ermordung führte, dazu beigetragen, dass sich in der Bundesrepublik eine „neue Mitte“ habe herausschälen und als Konsensraum auch längerfristig etablieren können. Mit dem Jahr 1977 sei die klassische Linke zu Ende gegangen, der Generationenkonflikt beerdigt und die „Staatswerdung“ der so lange gefährdeten Nachkriegsdemokratie abgeschlossen worden.

Eine dritte These jedoch, die er am Ende seiner Einleitung mit der Anverwandlung von Jillian Beckers ebenso kühner wie in die Irre führender Behauptung, bei der Baader-Meinhof-Gruppe handle es sich um nichts anderes als um „Hitler’s Children“, thematisch kurz anstimmt, bleibt unausgeführt. Was Hachmeister als Frage „nach der aufgehobenen und verspäteten, außerstaatlichen Militanz in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“ umreißt, das ist in einer gewagten Analogie zwischen der Studentenbewegung der dreißiger und der der sechziger Jahre aufgehoben. Wenn ein rhetorisch talentierter Jungnazi von ihm als „eine Art Rudi Dutschke der NS-Studentenbewegung“ und der Langemarck-Kult als „Gegenkultur“ bezeichnet wird, dann verrät sich etwas von dem, was ihm insgesamt vielleicht vorgeschwebt, was er offenbar jedoch nicht expressis verbis zu formulieren gewagt haben könnte.

Mit der Insinuierung einer solch weitreichenden, empirisch nicht zu belegenden Hypothese schießt er allerdings über das Ziel hinaus. Zwar ist es zutreffend, den Schleyer-Entführern eine Mordaktion „in Gestapo- und SS-Manier“ zu attestieren. Nicht zulässig ist es jedoch, den seinerzeit von der SPD verstoßenen Sozialistischen Deutschen Studentenbund in den Verdacht zu rücken, bei ihm habe es sich im Grunde um nichts anderes als einen Wiedergänger des NS-Studentenbundes gehandelt.

Alles in allem jedoch eine verdienstvolle Biografie, die den seltenen Versuch unternimmt, in eine gesellschaftshistorische Tiefendimension deutscher Geschichte vorzustoßen.

Lutz Hachmeister: SchleyerEine deutsche Geschichte; Verlag C. H. Beck, München 2004; 448 S., 24,90 ¤SchleyerBiografiePolitisches BuchEine deutsche GeschichteLutz HachmeisterBuchC. H. Beck Verlag2004München24,90448
 
  • Neu auf ZEIT ONLINE
    1. Parteivorsitz Linke zerfleischt sich im Führungsstreit
    2. Energiewende Merkel gesteht Versäumnisse beim Netzausbau
    3. IWF-Chefin Lagarde findet harte Worte für die Griechen
    4. Aserbaidschan Schweden gewinnt den Eurovision Song Contest
    5. EM-Testspiel Deutschland verliert 3:5 gegen die Schweiz
  • Neu im Ressort
    1. Anzeige
    2. Anzeige
    3. Anzeige
    Service