polenIch, der DiktatorSeite 2/2

Er nehme seine Rolle als Staatsmann eben sehr ernst, sagt Lepper, jeder Zoll ein zukünftiger – ja, was? "Ich sehe mich in der Rolle eines positiven Diktators, eines Diktators, der nicht tötet", sagt Lepper selbst.

Soll Polen keine positive Diktatur werden, muss Jan Maria Rokita das Land davor bewahren – so jedenfalls hieß der Spitzenmann der Bürgerplattform noch vor einigen Monaten. Inzwischen heißt er Jan Rokita, angeblich seiner Frau zuliebe, in Wirklichkeit wohl eher, weil der weibliche Vorname so schlecht zum Image des knallharten Aufklärers passte. Inzwischen tritt er vorzugsweise in dunklen Kaschmirjacketts auf, im langen Mantel und mit schwarzem Hut, der einen düsteren Schatten auf sein jugendliches Gesicht wirft. So will er gesehen werden: als polnischer Baltasar Garzón, ohne Nachsicht im Kampf gegen korrupte und zügellose Politiker. Im Untersuchungsauschuss trieb er seine Widersacher vor laufenden Kameras in die Enge und zwang die Führung des Landes zu Geständnissen, die ganz Polen atemlos vor den Fernsehapparaten versammelte.

Noch Anfang 2003 wurde Jan Maria Rokita in den Meinungsumfragen nicht einmal mehr berücksichtigt. Die Niederlage bei der Bürgermeisterwahl in Krakau galt als politisches Ende des liberalen Reformpolitikers. Als Rokita seine Arbeit im Untersuchungsausschuss begann, stand seine Bürgerplattform in den Umfragen bei zehn Prozent Zustimmung. Jetzt ist sie die stärkste Partei, und ihr Vorsitzender nach Präsident Aleksander Kwa™niewski der zweitbeliebteste Politiker des Landes. "Ich bin ein Elefant: Schläfrig, schwer und ruhig, aber wenn ich einmal in Schwung komme, dann rase ich, und keiner kann mich aufhalten", sagt er – und wenn er damit Recht behält, wird er über kurz oder lang Polens Ministerpräsident sein.

Und dann? Nizza? Oder der Tod?

Inzwischen scheint Rokita auch die Frage der europäischen Verfassung gelassener zu sehen. "Nizza oder der Tod", das war die Formel, mit der er die Regierung Miller vor sich hertrieb. Als "anachronistisch" kritisierte er sogar seinen Parteifreund, den ehemaligen Außenminister Andrzej Olechowski, der sich für einen Kompromiss in dieser Frage ausgesprochen hatte. So etwas brauchen die verunsicherten Polen. Mit Jan Rokita als Premierminister, bedeutet das, müssen sie sich vor den großen Mächten Europas nicht fürchten.

Inzwischen hat Rokita ein neues Thema entdeckt, den Vorschlag des deutschen Bundeskanzlers, die Unternehmensteuern in der EU zu harmonisieren. Marek Belka, der Chef der Übergangsregierung, widersprach höflich, aber Rokita scherte sich weniger um diplomatische Gepflogenheiten. Bei seinen Wählern, die er auch von den rechtskonservativen Parteien holen will, kommt das sehr gut an – und dem Bundeskanzler wird es recht sein. So verliert die Frage der EU-Verfassung in der polnischen Innenpolitik an Bedeutung, und Jan Rokita kann es sich leisten, in dieser Frage Bereitschaft zum Entgegenkommen zu signalisieren.

Bloß nicht zu weit gehen. Wer Polen vor Anrzej Lepper retten will, kann sich den Verzicht auf radikale Rhetorik, gerade nach außen, nicht leisten. Maßstab seiner Europapolitik, sagt Jan Rokita, werde in Zukunft der Preis der polnischen Milch sein.

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