Warschau

Offenbar wird es Zeit, das Land zu verlassen. "Sie kommen immer näher", warnt die Werbung, "und Schweden ist nur 250 Meilen entfernt." Nicht das schlechteste Argument für die Anschaffung eines Kajaks aus Danziger Produktion. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass ein Leser dieser Anzeige aus der Bootsbaubranche nicht weiß, wer "sie" sind, ist im Hintergrund das Symbol der radikalen Bauernpartei Andrzej Leppers zu sehen, die weiß-rot gestreifte Krawatte.

Polen nach der Europawahl, ein Land in Angst. Sicher, Leppers Leute haben nur Platz vier belegt, aber was heißt das schon? Polens Populisten hassen Europa, aber nicht alle sehen darin einen Grund, Vertreter nach Brüssel zu schicken. Sie wollen Polen regieren, zwischen ihnen und der Macht steht bloß noch eine unpopuläre Übergangsregierung, allenfalls halbherzig gestützt von einem Parlament aus Abgeordneten, die bei Neuwahlen ohne Chance wären – und ein echter innenpolitischer Gegner: Jan Rokita, der Sieger der Europawahl, ein marktliberaler Reformer, der im Ausland durch seinen populistischen Slogan "Nizza oder der Tod" bekannt ist, in Polen dagegen als der Mann, der die Skandale der Regierung Miller fast im Alleingang aufgeklärt und Polens postkommunistische Sozialdemokraten in die politische Bedeutungslosigkeit getrieben hat.

Lepper oder Rokita – das ist, auf mittlere Sicht, Polens Alternative, und sie hat durchaus bedrohliche Züge. Der Populist Lepper ist der Albtraum aller, die sich für Polen eine Zukunft als reife Demokratie innerhalb der EU erhofft haben. Angst haben die gemäßigten Parteien wie Rokitas Bürgerplattform, die Lepper ohne viel Umstände "die Diebe" zu nennen pflegt. Angst haben viele Großstadteinwohner und Studenten, "Transformationsgewinner", wie Leppers Anhänger sie nennen. Angst haben andererseits auch viele Bauern und andere Transformationsverlierer, Angst vor Europa. "Es kann gar nicht schlimmer werden", sagt der Blumenhändler auf dem Markt im ostpolnischen Lublin, wo Lepper viele Anhänger hat. Dessen Partei Samoobrona ist aus seiner Sicht kein Grund, das Land zu verlassen, im Gegenteil. "Lepper wird es allen noch zeigen", sagt er. Und im Übrigen: Was sollte er, dessen fünfköpfige Familie von 200 Euro im Monat lebt, auch in Schweden?

Polen, ein gespaltenes Land. Nicht nur ein Danziger Kajakhersteller, das Bürgertum und die seriöse Presse machen seit Monaten Front gegen den Populismus. Mag man im Ausland beunruhigt auf das europafeindliche Polen schauen, aus der Binnenperspektive ist der Erfolg des EU-Verfassungsgegners Rokita bei der Europawahl ein kleiner Sieg für Europa. Und täglich erscheinen neue Titelgeschichten: Wie kann man Samoobrona aufhalten? Was wird aus Polen unter Leppers Führung?

In der Tat, eine nahe liegende Frage: Wie wird ein Mann regieren, der den Beitritt zur EU für die "Versklavung" Polens hält? Der mit seinen Anhängern Straßen und Schienen blockierte, um Lastwagen aus EU-Ländern umzustürzen und ihre Fahrer zu verprügeln, der Hunderte von Gerichtsverfahren auslöste und einmal zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt wurde?

Andrzej Leppers Wirtschaftsprogramm ist so abenteuerlich wie sein Lebenslauf. Das Prinzip ist einfach: Umverteilen, die Privatisierung der Staatsbetriebe stoppen, den mysteriösen "Transfer" des großen Geldes ins Ausland aufhalten, den er bis heute nicht näher erklärt hat. Das Geld von den Banken holen und an die Armen verteilen. In der Folge dieser kühnen Reformen werde sich alsbald ein Wirtschaftswachstum um neun Prozent einstellen, verspricht Lepper, Investoren aus dem In- und Ausland würden sich drängen, um Joint Ventures mit staatlichen Unternehmen zu gründen – und was dann nur noch zu tun bleibe, sei die Bestrafung der Hauptschuldigen, allen voran Professor Leszek Balcerowicz, der Chef der polnischen Nationalbank. Dieser Architekt der räuberischen Marktwirtschaftsreformen ist laut Samoobrona das größte Übel. Er und seine Bank kosten das Land nach Leppers präzisen Berechnungen jeden Tag zehn Millionen Z¬oty. Und so weiter.

Wie ein solcher Mann, den die Welt als Kartoffelschmeißer und Volksverhetzer kennen lernte, den Aufstieg zum Weltpolitiker schaffen konnte, der in China wichtige "politische Gespräche" führt, in Russland mit Nationalisten plaudert und in Polen bei keiner größeren Talkshow fehlt, das ist ein Thema für sich. Eine wichtige Rolle bei Leppers Aufstieg spielte die ohnmächtige, von ihren Skandalen verfolgte Regierung Miller. Immer wieder benutzte sie ihn, um im Parlament eigene Interessen durchzusetzen, und machte ihn auf diese Weise salonfähig. Inzwischen spricht Lepper langsamer und klarer als zu Beginn seiner Karriere. Komplizierte Sätze versucht er zu vermeiden. Die Sonnenbankbräune ist gemäßigt, das Auftreten ebenso, die karierten Hemden und die Latzhosen sind teuren Anzügen gewichen.