Musik"Blind. Warum nicht?"

Zum Tode des großen Sängers Ray Charles, dessen Musik aus der Dunkelheit des Lebens kam und alle Glaubensrichtungen vereinte von Konrad Heidkamp

Als Ray Charles Robinson 1937 endgültig seine Sehkraft verlor, schickte seine Mutter den Siebenjährigen auf eine Schule für Blinde, nach St. Augustine, 160 Meilen entfernt von Greenville, seiner Heimat in Florida. 160 Meilen zu weit für ein Kind. Er war elend arm, bevor er wissen konnte, was elend bedeutet, kannte seinen Vater eher vom Hörensagen, sah zu, wie sein jüngerer Bruder im Wasserbottich beim Spielen ertrank, und erlebte nun, wie schwarze und weiße Kinder getrennt unterrichtet wurden: Rassentrennung in einer staatlichen Blindenschule, die offensichtliche Essenz des Irrsinns. Die Geschichte von Ray Charles kommt aus dem Dunklen.

"The Genius of Soul", schrieb ihm seine Plattenfirma Atlantic aufs Cover, Highpriest, Reverend, Bishop oder schlicht Brother Ray nannten ihn seine Fans und wollten doch alle nur eins sagen: So einen wie ihn hatte man nie gehört. Seine Mischung aus der Musik Gottes und dem Blues des Teufels konnte nur in der schwarzen Seele eines blinden Sehers gezeugt worden sein. Soul war der Name der Erlösung, der Geist wurde wieder Fleisch. Wenn Ray Charles selbst erzählte, klang diese Mixtur ganz anschaulich und schlicht: wie er als Dreijähriger im Red Wing Cafe von Greenville auf dem Schoß eines Mr Wylie Pitman am Klavier saß und Boogie-Woogie greifen durfte – "So geht’s, kleiner Mann" –, wie aus der Jukebox Hillbilly-Melodien, Blues und Big-Band-Jazz dröhnten und sie in der Kirche Gospel sangen. Ganz verschieden, doch aus einer Jukebox, einem Glauben. Als "Gebrauchsmusiker" bezeichnete er sich gern selbst, reservierte das Prädikat "Genie" lieber für Jazzgötter wie den Pianisten Art Tatum, die Bebop-Heroen Dizzy Gillespie und Charlie Parker oder die Sängerin Billie Holiday. Er habe nur Dinge zusammengefügt. Das sei alles.

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Die Beine zappelten wie Zitteraale

Der Sänger Van Morrison schrieb vor kurzem in der Zeitschrift Rolling Stone über die zehn Unsterblichen des Rock’n’ Roll: "Ray Charles ist der Beweis dafür, dass die beste Musik alle Grenzen überschreitet und alle Glaubensrichtungen vereint … er veränderte die Musik einfach dadurch, dass er sich nie verstellte." Das scheint einfach und ist doch am schwersten. Als seine Mutter stirbt und er mit 15 Vollwaise wird, versucht er, sein Leben als Pianist zu bestreiten, tingelt durch Florida, geht schließlich nach Seattle – und klingt wie jedermann. Das Trio des Pianisten und Sängers Nat King Cole ist Vorbild und Genre, ein gefährliches Terrain, das schnell im Cocktailjazz versinkt. Doch als er sich nach Los Angeles aufmacht, nach New Orleans und seine Stimme von Jazzmusikern begleiten lässt, von einer Band und Sängerinnen, die dem brünftigen Ruf die verheißungsvolle Antwort gegenüberstellen, das Gefühl mit knallharten Riffs in Schwung versetzen, da findet er wieder nach Greenville.

Die Geburt des Soul schien 1954 ganz selbstverständlich. Dem Gospel-Song wurde ein neuer Text zu I Got a Woman unterlegt, aus " O, Lord" und "Jesus" wurde My Girl, die geistliche Ekstase verwandelte sich zum Ahhh-Oooh-Stöhnen in What’d I Say, was der weiße Rock’n’ Roll öffentlich mit dem Unterleib vorführen durfte, presste der schwarze Soul in Vinyl. Die Angst der Weißen war groß, nur ein blinder Schwarzer schien ihnen ungefährlich, Hit The Road, Jack. Aus dem Himmel der Kirche machte er die Hölle des Lebens und erklärte damit die Hölle zum Himmel. Als Pate des Rock’n’ Roll fungierte er damit nicht. Titel wie Drown In My Own Tears oder Nobody Cares klangen zu schwermütig, vergleicht man sie mit Tutti Frutti oder Roll Over Beethoven, inkompatibel mit dem Aufbruchsgefühl der Jugend. Zudem: Er konnte nicht sehen, wie sie tanzen, sah keinen Jitterbug, keinen Twist. Es sang die Melodien und Rhythmen, die er in seinem Körper spürte, die Beine verschränkten sich, zappelten wie Zitteraale, leiteten die Erregung nach unten ab, während das Lachen der weißen Zähne nach oben strömte, dort wo keiner ist. Selten war Glück so körperlich zu spüren.

Als Ray Charles 1959 seinen Entdecker Ahmet Ertegun und die Plattenfirma Atlantic verließ und zu ABC wechselte, hatte er schon einen Hank-Williams-Song wie I’m Moving On im Gepäck, die nächste ungehörte Verbindung: aus seiner unglaublichen Stimme, aus Country-Music und jenen Streicherarrangements, die er bei Frank Sinatra so liebte. Modern Sounds in Country & Western Music nannte sich die Schallplatte, die den nächsten 20 Jahren die Richtung vorgab, die Ray Charles weiter in die Hitparaden und zu 13 Grammies brachte. Georgia On My Mind, I Can’t Stop Loving You oder Crying Time – es wurde immer deutlicher: Es war der Sänger, nicht der Song. "Für mich ist die Musik so wichtig wie der Blutkreislauf. Musik ist meine Existenz", versicherte er in immer neuen Umschreibungen, und es gebe nur zwei Albträume, die ihn zum Selbstmord treiben könnten, diktierte er in seiner ungeschminkten Autobiografie Brother Ray (deutsche Ausgabe: What’d I Say) dem Autor David Ritz: Krebs und Taubheit.

Wer ihn später sah und hörte, mit seiner Beamten-Big-Band in lila Jacketts zum glänzenden Instrument, dem bleibt nur diese Stimme im Kopf, die Zärtlichkeit, mit der sie sich an den Bläser- und Frauenstimmen reibt. Wie sie zischt, haucht, gurgelt, den Rhythmus bricht und selbst den schmalzigen Songs jede Sentimentalität nimmt, die Töne mit Schmirgelpapier aufraut und sie dann samtweich zerfließen lässt. "Ich bin kein Jazzsänger. Ich bin kein Bluessänger. Ich bin kein Countrysänger. Ich bin kein Crooner. Ich bin ein Sänger, der den Blues singen kann. Ich bin ein Sänger, der Country singen kann. Das ist ein großer Unterschied." Also wird er dreckig und intensiv oder steigert die Dramatik, indem er leiser wird und sich zurücknimmt. Ray Charles, und das wird bei allem Reden von Authentizität oft übersehen, war ein Schauspieler der Stimme, nahm die Songs wie Rollen, zerquetschte die Noten zwischen den Stimmbändern und ließ sie frei, zog ins Falsett hoch und kippte stöhnend nach unten. Wer sein A Rainy Night In Georgia oder A Song For You oder How Long Has This Been Going On hört, kennt die großen Balladen des 20. Jahrhunderts – das Genre heißt Ray Charles.

17 Jahre lang jeden Tag Heroin

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