Am 5. April 1998 erhielt Thomas Melzer, damals Richter am Amtsgericht Schwedt in Brandenburg, persönliche Post. Er hatte gerade elf Mitglieder einer rechtsradikalen Kameradschaft in Haft genommen, weil ruchbar geworden war, dass sie eine Reihe von Anschlägen planten. Da erreichten ihn diese aufschlussreichen Worte in Maschinenschrift: "Du miese geistlose antideutsche Drecksau gehörst an den Galgen. Wir werden Dich rotes Mistschwein nicht vergessen. Verlass Dich darauf Du miese verpestete Ratte. Im Kopf nur Scheisse." Unterzeichnet hatte den von Kommata befreiten Brief eine gewisse Julius Streicher Power Group.

Solche Kommentare erreichen Richter in ganz Deutschland jeden Tag und durchaus nicht nur von radikalen Gruppen. Normale Menschen greifen zu Tinte und Papier und sagen dem "sehr geehrten Herrn Richter" endlich einmal, was sie von ihm und seinesgleichen halten. Angetan mit schwarzen Roben, betreten die Richter den Verhandlungssaal, und stets erhebt sich die Menge mit einem feierlichen Rauschen, um ihre Achtung vor der Würde des Gerichts zu bekunden. Und später finden sich dann in der Post Beschimpfungen, Drohungen und Hasstiraden, die von Abscheu und tiefer Feindseligkeit meist anonymer Bürger zeugen. Der Grund ist fast immer derselbe: Die Strafe ist nicht hart genug. Richter werden "intellektuelles Gesindel" geheißen, dem man einen "Job in der Stadtreinigung" anempfiehlt, oder die Absender wünschen den Täter "unters Fallbeil und den Richter ebenfalls". Die Genugtuung eines Antwortschreibens erhält aber auch derjenige nicht, der eine Unterschrift unter seinen Wutausbruch setzt. Die papierenen Eruptionen werden von Justizbeamten vielmehr gleichmütig in Ordnern mit der Aufschrift "Briefe Unbeteiligter" abgeheftet.

Thomas Melzer – heute Vorsitzender einer Berufungskammer am Landgericht Frankfurt (Oder) – hat solche Post eingesehen und Briefe deutscher Bürger an die Strafjustiz gesammelt, sie füllen einen dicken Ordner. Schon seit dem Studium hat den 41-Jährigen die Frage beschäftigt, ob Urteile eines Gerichts, die doch "im Namen des Volkes" ergehen, vom Volk überhaupt nachvollzogen werden können – und wie man die Entscheidungsfindung der Richter dem Volk verständlicher machen könnte. Im Namen des Volkes – was bedeutet das? "Es bedeutet, dass abstrakte, von den Volksvertretern verabschiedete Gesetze im Prozess und im Urteil konkret gemacht werden", sagt Melzer. "Es bedeutet nicht, dass die Leute auf der Straße ein Urteil gut finden müssen." Im Gegenteil: Rechtsprechung dürfe dem Volk seine Wünsche nicht erfüllen. Denn den Urteilen liege der Normenkodex einer aufgeklärten Gesellschaft zugrunde. "Und das Volk", findet Melzer, "ist in rechtsphilosophischer Hinsicht alles andere als aufgeklärt." Es sei im Angesicht des Verbrechens seinen Gefühlsaufwallungen ganz unterworfen. Im Gegensatz dazu habe der Richter die berufliche Pflicht, sich vom Hass frei zu machen und den Fall nüchtern zu betrachten.

Früher, als Melzer noch ein junger Amtsrichter war, mischte sich sein Großvater in den Hauptverhandlungen unters Volk und regte sich über den Enkel und dessen Anteilnahme am Schicksal des Angeklagten auf. Einmal sei der alte Mann über Melzers vermeintliche Milde innerlich so ins Toben geraten, dass er den Saal habe verlassen müssen. Beim Hinausrennen habe er dann einen Garderobenständer umgerissen, der dem Angeklagten auch noch in den Rücken gestürzt sei. "Gott sei Dank ist nichts passiert", sagt Melzer. Dabei sei sein Großvater kein schlechter Mensch gewesen. Aber die dauernde Auseinandersetzung des Richters mit dem Mann auf der Anklagebank, die die deutsche Strafprozessordnung vorschreibt, habe ihn erbost.

Melzers Großeltern – bis zur Wende DDR-Bürger – hatten sich von Kriminalität überrollt gefühlt, als der Westen zu ihnen kam. Zwar hatte es auch zu DDR-Zeiten Verbrechen gegeben, aber davon hatte man wenig erfahren. Plötzlich waren alle Zeitungen voll mit Mord und Totschlag, und Melzers Großeltern trauten sich nicht mehr zu Fuß nach Hause, sondern bestellten ein teures Taxi. Von den Gerichten erwarteten sie jetzt weniger ein der Tat angemessenes, gerechtes Urteil, sondern eher, dass böse Buben, die die Lebensqualität der Bürger schmälern, so lange wie möglich weggeschlossen bleiben. Und diese Haltung, findet Melzer, sei in ganz Deutschland außerordentlich verbreitet, unabhängig von West und Ost, Alt und Jung: Je verunsicherter die Bevölkerung sich aufgrund wirtschaftlicher Unwägbarkeiten fühle, desto mehr werde der Richter für die Leute zum "Dienstleister zur Wiederherstellung des eigenen Sicherheitsgefühls".

Der Kindermörder Bartsch weckte mittelalterlichen Rachedurst

Was sich anlässlich des zweiten Prozesses gegen den Kindermörder Jürgen Bartsch 1971 postalisch Luft machte, geht über die Furcht der Bürger um die eigene Sicherheit allerdings weit hinaus. Hunderte Karten, Briefe, Episteln und Nachrichten verfasste das Volk damals und schickte sie an das Landgericht Düsseldorf, wo Bartschs zweite Hauptverhandlung stattfand. Melzer hat sie alle gesammelt: Dokumente mittelalterlichen Rachedurstes und archaischen Vergeltungswillens. Bartsch war zuerst 1967 vom Landgericht Wuppertal verurteilt worden. Die Freiheitsstrafe betrug fünfmal lebenslänglich. Das hatte dem Saalpublikum gefallen. Bei der Urteilsverkündung brachen die Leute in wilden Applaus aus, und der Vorsitzende Richter ließ sie gewähren. Aufgehoben hat der Bundesgerichtshof dieses erste Urteil wenig später, weil das Landgericht Wuppertal gemeint hatte, es brauche keinen Sexualwissenschaftler zu hören.

Jürgen Bartsch ist bis heute einer der bekanntesten deutschen Verbrecher. Er hatte in den sechziger Jahren vier kleine Jungen in einen Luftschutzbunker verschleppt, sie dort sadistisch gequält und dann ermordet. Bei seinen Taten war er selbst noch fast ein Kind. Bartschs Berühmtheit überstieg die aller anderen Serienmörder aber nicht nur wegen der enormen Grausamkeit, mit der er vorgegangen war, sondern auch, weil er gegenüber den Strafverfolgern und Psychiatern eine ganz außerordentliche Fähigkeit zur Introspektion erkennen ließ. Seine Bereitschaft, die Kindermorde und seine eigenen Gefühle dabei im Nachhinein zu schildern, die Untaten regelrecht zu deuten und seine Schuld reflektierend in Beziehung zur eigenen Person und Biografie zu setzen, hat ihn zu einer einzigartigen Figur in der deutschen Kriminalgeschichte werden lassen. Auch deshalb und weil sich Justiz und forensische Psychiatrie über viele Wochen intensiv mit der Frage befassten: Wie konnte ein so gescheiter, feinfühliger junger Mensch zu einem mitleidlosen Triebtäter werden?, erregte niemand den Volkszorn so wie Bartsch.