Biografie Im Schatten Stalins

Solomon Wolkows packende Schostakowitsch-Biografie

Im Jahre 1979 erschien in den USA unter dem Titel (Zeugenaussage) – ein Buch, in dem der junge 35-jährige Musikwissenschaftler Solomon Wolkow seine Gespräche mit dem schon verstorbenen sowjetischen Komponisten veröffentlichte. Das Buch löste eine heftige Kontroverse aus. In seinem Licht war Schostakowitsch mit einem Mal nicht mehr der linientreue sowjetische Vorzeigekünstler, als der er sich anhand seiner offiziellen Verlautbarungen und auch der vermeintlich bombastischen Sinfonik so problemlos identifizieren ließ, was amerikanische Beobachter zutiefst irritierte, von den sowjetischen ganz zu schweigen. Die seinerzeit verbreitete Ansicht, Wolkows Buch sei eine Fälschung, gilt als widerlegt. Nun liefert er sein eigenes Schostakowitsch-Porträt nach und konzentriert sich dabei ganz auf den entscheidenden, Leben und Werk beherrschenden Konflikt: .

Die seinerzeit im Vorwort der Memoiren vertretene Theorie, Schostakowitsch habe sich seit der von Stalin persönlich initiierten Attacke gegen seine Oper Lady Macbeth des Mzensker Kreises 1936 hinter der Maske des jurodiwy, des russischen Gottesnarren versteckt, der in früheren Jahrhunderten „dem Zaren gefährliche, aber notwendige Wahrheiten ins Gesicht sagte“, baut Wolkow aus. Für ihn hatte das höchst komplexe Verhältnis zwischen Stalin und Schostakowitsch ein konkretes historisches Vorbild, nämlich die ähnlich gelagerte Beziehung von Zar Nikolaus I. zu Alexander Puschkin.

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Was im Ansatz etwas theoretisch wirken mag, wird überzeugend und in Detailfülle ausgebreitet. Zahlreiche Fakten sind mittlerweile bekannt, doch vieles von dem, was das Buch an erschütterndem Hintergrundwissen über den Komponisten und die sowjetische Intelligenzija – Künstler wie Majakowski, Bulgakow, Pasternak, Prokofjew, Mandelstam oder Ehrenburg – im Schatten der Diktatur liefert, kennt sonst bestenfalls der Insider. Das beginnt beim jungen Schostakowitsch, der für Wolkow kein überzeugter Bolschewik war. Die zweite und dritte Sinfonie mit den Titeln Widmung an den Oktober beziehungsweise Zum 1. Mai, die angesichts der Agitationstexte in den Finalen gern als Belege für angebliche sozialistische Neigungen des 20-Jährigen herangezogen werden, entlarvt der Autor als reine Kompromisse, die Schostakowitsch im Wissen um frühe Todeslisten, Verhaftungen und Erschießungen – auch von Freunden – schloss. An der Affäre von 1936 um die Lady Macbeth verblüfft vor allem das Ausmaß, in dem sich Stalin in einer seltsamen Mischung aus kleinbürgerlicher Prüderie, Engstirnigkeit und klarem politischem Kalkül persönlich darum kümmerte, dass die zwei Jahre lang enthusiastisch gefeierte Oper binnen Wochen zum Paradebeispiel „formalistischer Verrenkungen“ in der sowjetischen Musik mutierte. Man könnte darüber lachen, hätte der kunstliebende Diktator nicht so unendlich viele andere aus nichtigerem Anlass gnadenlos über die Klinge springen lassen.

Das Klima der existenziellen Bedrohung unter Stalin war auch das eigentliche Thema der, wie Wolkow darlegt, schon vor der deutschen Invasion fertig konzipierten Leningrader Sinfonie. Stalin – und der Westen – erhoben sie in einer beispiellosen Propaganda-Show zum antifaschistischen Symbol, was nicht falsch, aber einseitig war, galt sie doch ursprünglich dem innersowjetischen Terror, der Schostakowitsch 1948 denn auch erneut einholen sollte. Wie es ihm gelang, Stalin zu überleben und darüber hinaus zum einzigartigen Chronisten von dessen Reich zu werden, das wurde bislang noch nie so packend beschrieben.

Solomon Wolkow: Stalin und SchostakowitschDer Diktator und der Künstler; Propyläen Verlag, Berlin 2004; 420 S., 39,50 ¤Stalin und SchostakowitschBioigrafieSachbuchDer Diktator und der KünstlerSolomon WolkowBuchPropyläen Verlag2004Berlin39,50420
 
  • Serie sachbuch
  • Quelle (c) DIE ZEIT 17.06.2004 Nr.26
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  • Schlagworte Biografie | Alexander Puschkin | Musik | Literatur | Symphonie | Oper
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