sterbehilfe „Er konnte schön sterben“

Palliativmedizin bietet sich als Alternative zur aktiven Sterbehilfe an. Das Beispiel der Schmerzambulanz in Göttingen zeigt, wie schwer es die Helfer haben

An der Wand neben dem Bett im Hause Kohler ist das Leben zu Bildern geronnen. Ein Hochzeitsfoto hängt an der Strukturtapete, daneben zweimal der Kleinwagen der Familie in Farbe. Der Schnappschuss rechts zeigt Karl-Heinz Kohler* mit einem Arbeitskollegen: zwei rundliche Arbeiter, entspannt mit zwei Flaschen Bier.

Der Mann im Bett wiegt 25 Kilo weniger. Aus dem zu groß gewordenen Nachthemd ragen abgemagerte Arme. Kohler, 59 Jahre alt, hat Dickdarmkrebs. Als ob das an Unheil nicht reichen würde, drücken noch Tumoren auf sein Rückenmark; sie werden wohl zur Querschnittslähmung führen. Vor fünf Wochen ist er aus der Universitätsklinik Göttingen zum Sterben nach Hause entlassen worden.

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Martine Eich geht neben dem Bett in die Hocke und streichelt den Arm des Patienten. So fühlt sie, dass er kein hohes Fieber hat. Sie schaut in die Augen, die der Schmerz glasig gemacht hat, und fragt mit fester Stimme: „Herr Kohler, wenn Sie eine Lungenentzündung bekommen – sollen wir Sie dann in die Klinik bringen?“ Im Fernseher am Fußende läuft RTL, Frau Kohler zerdrückt eine Träne im Augenwinkel, und die Augen ihres Mannes flackern vor Panik. Nach einer Weile sagt er: „Man hat die Angst, dass man da nicht mehr rauskommt.“

Eich ist Ärztin im ambulanten Palliativdienst. Zusammen mit einer Kollegin und drei Krankenschwestern betreut sie in der Umgebung von Göttingen 60 Tumorpatienten im Endstadium – Menschen wie Karl-Heinz Kohler, die das eigene Ende vor Augen haben. Vor ihren Patienten wirkt die 38jährige Ärztin gelassen und kontrolliert. Doch als sie die Wohnung von Familie Kohler verlässt, fällt der Druck von ihr ab, sie klagt mit Teenagerstimme: „Manchmal kann ich’s nicht ab, dass ich so blöde Sachen fragen muss.“ Aber gestern habe der Patient halluziniert, heute war er klar, und diesen Moment musste sie nutzen: „Ich habe ihn gefragt, ob er zu Hause sterben möchte. Und ich glaube, er hat das auch verstanden.“

Sterbenskranken Menschen einen würdevollen, schmerzarmen Tod zu ermöglichen – das war auch das Ziel jener Arbeitsgruppe, die im Auftrag von Justizministerin Zypries am vergangenen Donnerstag ihre Empfehlungen zur „Patientenautonomie am Lebensende“ vorgelegt hat. Die Experten wollen so genannte Patientenverfügungen im Gesetz verankern (siehe nächste Seite) und fordern ebenso, die Palliativmedizin zu stärken. Denn diese kann Leiden lindern, wo Heilung nicht mehr möglich ist. Der Name leitet sich vom lateinischen pallium ab: Wie ein Mantel sollen Schmerztherapie und psychosoziale Betreuung den Todkranken umhüllen. Die Schmerzen der unheilbar Kranken werden – unter anderem mit Morphium – auf ein erträgliches Maß reduziert.

Bislang ist Deutschland in der Palliativmedizin noch immer Entwicklungsland. Die Forderung nach einer besseren Schmerztherapie für Sterbende wird ebenso regelmäßig erhoben wie ignoriert. Und Kenntnisse in der Vergabe schmerzlindernder Mittel sind noch längst kein „wichtiger Bestandteil in der Ausbildung junger Medizinerinnen und Mediziner“, wie es Zypries verlangte.

Auch der Palliativdienst von Martine Eich muss um Geld betteln. Das Göttinger Modellprojekt namens Support (für Südniedersächsisches Projekt zur Qualitätssicherung der palliativmedizinisch orientierten Versorgung von Patienten mit Tumorschmerzen) ist einer von rund dreißig ambulanten Palliativdiensten in Deutschland. Seit 1996 hat Support über 800 Patienten betreut. Knapp 70 Prozent davon bekamen ihren letzten Wunsch erfüllt: Sie starben zu Hause. Das Projekt ist mit Preisen ausgezeichnet worden, trotzdem drohte ihm mehrmals das Aus, weil die Förderung auslief.

„Palliativmedizinische Leistungen werden in der Regelversorgung der Krankenkassen praktisch nicht honoriert“, klagt Thomas Schindler von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. In Baden-Württemberg gebe es rühmliche Ausnahmen, aber auch da handele es sich um Insellösungen. „Wer zufällig in Tübingen an einem Tumor erkrankt, wird hervorragend gepflegt. Aber schon in Reutlingen stehen seine Chancen schlecht.“

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