kommentar Heilige KulturkritikSeite 2/2

Und niemand könnte ja auch leugnen, dass wir uns schwer wiegenden ökonomischen und gesellschaftlichern Problemen gegenübersehen. Doch das in zahllosen Talkshows und Podiumsdiskussionen geradezu rauschhaft betriebene Schwarzmalen erzeugt in der Gesellschaft keine Veränderungsaktivität, sondern paradoxerweise das Gegenteil: eine Art selbstzufriedener Apathie. Dass ohnehin alles den Bach runter gehe und das Freiheits- und Wohlstandsversprechen der Demokratie längst als große Lüge entlarvt sei, ist das Credo dieser weit verbreiteten, grimmig-grämlichen Attitüde demonstrativ zur Schau gestellter Passivität.

Flankiert und gegen ihre eigene erklärte Intention gefüttert wird diese Haltung durch die vielen öffentlichen Warner und Mahner, die zur Besinnung auf ursprüngliche Werte und Tugenden aufrufen. Denn der Ruf nach der Rückbesinnung auf „Werte“ hat längst den Unterton der Denunziation angenommen. Mit dem Finger auf andere zu zeigen und ihnen Selbstsucht und Verantwortungslosigkeit vorzuwerfen, ist in Deutschland zu einem lager- und schichtenübergreifenden Volkssport geworden. So bezichtigen sich Junge und Alte gegenseitig, den Generationenvertrag zu kannibalisieren : die Alten, weil sie zu früh in Rente gehen und freiwillig nichts abgeben wollten, die Jungen, weil sie zu wenig Kinder in die Welt setzten. Je nach Lagerzugehörigkeit und je nach Themenvorgabe durch den Sonntagabendtalk oder die „Bild“-Zeitung gelten „die Politiker“, „die Gewerkschaften“ oder „die Manager“ als Kollektivschuldige am unaufhaltsamen Niedergang einer einst angeblich intakten Moral. Niemandem scheinen die Ankläger noch einen Sinn für Anstand zugestehen zu wollen – außer natürlich sich selbst.

Die Klage über den allgemeinen Werteverlust ist so längst zur idealen Ausrede geworden, warum man zur Abhilfe gesellschaftlicher Missstände selbst nichts beiträgt oder sich um praktikable Verbesserungsvorschläge herumdrückt. So erzeugt die viel beschworene „Wertedebatte“ das Gegenteil dessen, was sie vorgeblich erreichen will: Statt zur Stärkung selbstbewusster Persönlichkeiten beizutragen, die sich ihren Mitmenschen gegenüber öffnet, befördert sie Verbitterung und Abkapselung von einer unter den Generalverdacht der Verkommenheit gestellten sozialen Umwelt.

Der Zusammenhalt einer freiheitlichen Gesellschaft wird aber nicht durch ewig feststehende Werte garantiert, auf die man sich per innerer Einkehr im Bedarfsfall wieder „besinnen“ könnte. Tragfähige Werte entstehen vielmehr überhaupt erst aus der lebendigen Interaktion freier Individuen und gesellschaftlicher Interessensgruppen. Sie wachsen aus der Erfahrung, dass Konflikte – auch zum eigenen Vorteil - besser durch vernünftigen Interessensausgleich gelöst werden können als durch einen regellosen Kampf aller gegen alle. Um ihre Werte lebendig zu halten, brauchen die Bürger einer freien Gesellschaft Räume, in denen sie aktiv ihr eigenes Schicksal gestalten können. Und sie brauchen, wie der designierte Bundespräsident Horst Köhler zu Recht gesagt hat, wieder mehr Zutrauen in die „Kraft der Freiheit“ – jenes wichtigsten aller Werte, den uns die säkulare Demokratie bietet.

 
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  • Quelle (c) ZEIT.de, 17.06.2004. Erschienen in: Das Parlament, Nr. 25 / 2004
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  • Schlagworte Horst Köhler | Islamismus | Türkei
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