Gesundheit in Deutschland, ein Blick auf die jüngsten Nachrichten: Auf Anweisung der Regierung diktieren die Krankenkassen die Preise für patentgeschützte Pillen. Die Arzneimittelindustrie spricht von einem "schwarzen Tag" für die Branche. Gleichzeitig verkündet der Berliner Pillenhersteller Schering, die Hälfte seiner Produktionsstandorte zu schließen. Bayer in Leverkusen - berühmt dank Aspirin, inzwischen in Bedrängnis - will von Roche das Magenmittel Rennie und andere Alt-Arzneien übernehmen. Ein verzweifelter Versuch, Umsatz zu kaufen. Und Aventis, als Hoechst AG einst die Nummer eins, wird gerade von Sanofi in Frankreich geschluckt.

Es gibt noch mehr Hiobsbotschaften aus der heimischen Pharmaindustrie, müßig, sie alle aufzuzählen. Deutschland, Apotheke der Welt? Das war einmal. Der Zustand der Branche ist besorgniserregend. Aber ist es wirklich so, wie die Industrie uns glauben macht? Spart die streichwütige Ministerin Ulla Schmidt die deutsche Medizin kaputt?

Eines ist klar: Den Herstellern fällt das Geschäft leichter, wenn die Alimentierung im Heimatmarkt großzügig ausfällt. Amerikas Arzneimittelindustrie ist das beste Beispiel. Nirgendwo auf der Welt erzielen Anbieter höhere Preise, die USA geben weltweit am meisten für die Gesundheit aus: knapp 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Unter diesen Bedingungen gedeiht dort Pfizer, der weltgrößte Pharmakonzern.

Der zweitgrößte Konzern der Welt, GlaxoSmithKline, kommt allerdings aus Großbritannien, einem Land mit chronisch unterfinanziertem Gesundheitssystem. Der staatliche National Health Service gibt nicht einmal acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Die englische Pharmaindustrie prosperiert trotzdem, was die erste Schlussfolgerung zulässt: Erfolgreiche Erfinder leben nicht zwangsläufig vom Heimatmarkt, sondern verkaufen ihre Erzeugnisse weltweit.

Lehrreich ist auch der Vergleich zwischen Deutschland und der Schweiz. Die Eidgenossen liegen bei den Gesundheitsausgaben mit elf Prozent auf dem zweiten Platz und haben mit Roche und Novartis eine große Pharmaindustrie. Die Bundesrepublik gibt mit 10,8 Prozent zwar nur minimal weniger aus. Der Anteil der Ausgaben für Gesundheit am deutschen Gesamtbudget war immer recht hoch, in den vergangenen Jahren ist der Prozentsatz sogar noch gestiegen. Aber trotzdem fallen die deutschen Pharmahersteller im Ranking weiter ab.

Ökonomen ziehen aus alldem einen zweiten Schluss: Das Wohl der Hersteller hängt nicht nur von den Gesundheitsausgaben ab, sondern umgekehrt hängen auch die Ausgaben ab von der Größe der Branche. Kein Wunder, dass die Schweizer seit Jahren europaweit die höchsten Pillenpreise zahlen und alle Versuche scheitern, diese Ausgaben zu beschränken. In dem kleinen Land hat die Pharmaindustrie große Macht: Die Eidgenossen leben vom Export, und die Arzneien stellen knapp ein Viertel ihrer Ausfuhren dar.

In Deutschland war das früher ähnlich. Jahrelang konnten die Arzneimittelhersteller alle Reformen hintertreiben. Nun knöpft Ulla Schmidt den Unternehmen Rabatte ab und mutet ihnen Festpreise zu. Das zeigt den Bedeutungsverlust der Branche. Die Ministerin deswegen ihre Totengräberin zu nennen wäre vermessen. Schmidt ist erst seit gut drei Jahren im Amt, die Pharmaindustrie siecht seit zwei Jahrzehnten.