Erster Tag. Wie konnte ich nur in diesen Schlamassel geraten? Mit der Aktentasche unterm Arm stehe ich vor dem Klassenzimmer und warte darauf, dass es läutet. Von einem Tag zum nächsten sind aus mir, die weder ausgebildete Lehrerin ist noch je eine werden wollte, 82,1 Prozent einer vollbeschäftigten Lehrkraft geworden. Vorgestern habe ich mit meinem Sohn im Internet recherchiert, weil er die Schule wechseln möchte. Plötzlich landeten wir auf dem Feld "Bewerbungen" für den hamburgischen Schuldienst. Aus Jux habe ich darauf geklickt, es ist über mich gekommen. Mit Leib und Seele bin ich freie Schriftstellerin. Aber mitunter schreibt man sich die Finger wund und auch die Seele, alle sieben Jahre denke ich, ein Brotberuf müsste her. Und wäre nicht ein bisschen gesellschaftspolitisches Engagement wichtig und gut? Um das Ausmaß der Bildungsmisere weiß ich ja nicht nur als Mutter, bei Schullesungen kommt man im Lande herum.

Schnell habe ich die Nummer der Personalreferentin für Gymnasien gewählt. "Referendariat? Brauchen Sie gar nicht", höre ich eine freundliche Stimme. Schon bin ich mit dem für Vertretungen zuständigen Herrn verbunden. "Deutsch und Englisch? Keine ungünstige Kombination! Könnten Sie schon ab nächster Woche? Sind Ihnen 20 Wochenstunden zu viel?"

Gestern habe ich den Schulleiter aufgesucht, Prädikatsexamen, Promotionsurkunde, endlich zu etwas nütze. "Könnten Sie nicht auch schon morgen bei uns beginnen?", hat der Schulleiter schüchtern gefragt, und ich habe mich ja sagen hören. Deshalb warte ich jetzt hier auf das Ende der Fünf-Minuten-Pause. Fünf Minuten sind erstaunlich lang, das sage ich auch zu dem vorbeikommenden "Kollegen". Der grinst mich an: "Jetzt ist doch große Pause!" Also ins Lehrerzimmer gehastet, wo im hintersten Winkel die Kaffeemaschine steht. Natürlich ist der Kaffee längst alle, neuen aufzugießen lohnt wohl nicht mehr.

5. Tag

Bis zu den Frühjahrsferien habe ich mich verpflichtet. 40 Tage, Wochenenden inklusive, sind es genau. So lange ist Jesus in der Wüste gewesen, so lang sind die Toten unterwegs, bis sie im Jenseits ankommen. Inzwischen hat mir H. aus Unna ein Handbuch für den Lehrer und Kopiervorlagen für den Englischunterricht geschickt, Schneegedichte, Valentinskarten zum Basteln. Von A. aus Hannover erhalte ich Tabellen, in die ich, wenn ich dazu komme, mündliche Noten eintrage. (Heute kam ich nicht dazu, das wird sich später sicher rächen; fünf Minuten sind verdammt kurz.) Ich habe mich mit roten Gelstiften bewaffnet und auch schon begriffen, wo ich im Klassenbuch unterschreiben – und dass ich es zur ersten Stunde mitbringen muss!

7. Tag

Mit der 5. Klasse übe ich Groß- und Kleinschreibung und dass die Kinder für ihr Klassenzimmer verantwortlich sind. Stühle hochstellen, Müll sortieren, Salzstangenkrümel auffegen. In der 6. stehen adverbiale Bestimmungen auf dem Programm. "Warum muss Deutsch so langweilig sein?", höre ich den Klassenkasper seufzen. Dabei fand ich meine Idee gar nicht schlecht, die Adverbien in einem Karnevalsgedicht von Josef Guggenmos zu bestimmen. (In den Klassen hingen noch Adventsgedichte an der Wand, die Deutschlehrerin fehlt schon eine ganze Weile.) Anscheinend bin ich die dritte Vertretung in Folge, die Kinder sind es leid und testen mich aus. Auf ihre Namensschilder haben sie Fantasienamen geschrieben, Hans-Josef, Hildegard; Ali und Ninja scheinen mir eher zuzutreffen. Vom einen Tag zum nächsten hundert neue Namen zu behalten ist die größte Herausforderung.

Mit der 9L würde ich gern Alfred Anderschs Der Vater eines Mörders lesen, laut Lehrplan ist aber das Thema "Erörterung" dran. Auf die Schnelle funktioniere ich den Einstieg in die Lektüre zum Einstieg in die Erörterung um: "Stellt euch vor, ihr seid Lektor/Hersteller/Vertriebsleiterin und schreibt einen Brief an den Verleger, in dem ihr für das eine und gegen das andere Cover argumentiert…" Das passt auch zum Thema "Bewerbung für ein Schülerbetriebspraktikum", das sie zuletzt hatten.