schule 40 Tage in der Wüste
Die Hamburger Schulbehörde sucht Lehrer per Internet. Eine Schriftstellerin bewirbt sich und steht zwei Tage später ohne Referendariat vor einer Gymnasialklasse. Ausschnitte aus dem Tagebuch
Erster Tag. Wie konnte ich nur in diesen Schlamassel geraten? Mit der Aktentasche unterm Arm stehe ich vor dem Klassenzimmer und warte darauf, dass es läutet. Von einem Tag zum nächsten sind aus mir, die weder ausgebildete Lehrerin ist noch je eine werden wollte, 82,1 Prozent einer vollbeschäftigten Lehrkraft geworden. Vorgestern habe ich mit meinem Sohn im Internet recherchiert, weil er die Schule wechseln möchte. Plötzlich landeten wir auf dem Feld „Bewerbungen“ für den hamburgischen Schuldienst. Aus Jux habe ich darauf geklickt, es ist über mich gekommen. Mit Leib und Seele bin ich freie Schriftstellerin. Aber mitunter schreibt man sich die Finger wund und auch die Seele, alle sieben Jahre denke ich, ein Brotberuf müsste her. Und wäre nicht ein bisschen gesellschaftspolitisches Engagement wichtig und gut? Um das Ausmaß der Bildungsmisere weiß ich ja nicht nur als Mutter, bei Schullesungen kommt man im Lande herum.
Schnell habe ich die Nummer der Personalreferentin für Gymnasien gewählt. „Referendariat? Brauchen Sie gar nicht“, höre ich eine freundliche Stimme. Schon bin ich mit dem für Vertretungen zuständigen Herrn verbunden. „Deutsch und Englisch? Keine ungünstige Kombination! Könnten Sie schon ab nächster Woche? Sind Ihnen 20 Wochenstunden zu viel?“
Gestern habe ich den Schulleiter aufgesucht, Prädikatsexamen, Promotionsurkunde, endlich zu etwas nütze. „Könnten Sie nicht auch schon morgen bei uns beginnen?“, hat der Schulleiter schüchtern gefragt, und ich habe mich ja sagen hören. Deshalb warte ich jetzt hier auf das Ende der Fünf-Minuten-Pause. Fünf Minuten sind erstaunlich lang, das sage ich auch zu dem vorbeikommenden „Kollegen“. Der grinst mich an: „Jetzt ist doch große Pause!“ Also ins Lehrerzimmer gehastet, wo im hintersten Winkel die Kaffeemaschine steht. Natürlich ist der Kaffee längst alle, neuen aufzugießen lohnt wohl nicht mehr.
5. Tag
Bis zu den Frühjahrsferien habe ich mich verpflichtet. 40 Tage, Wochenenden inklusive, sind es genau. So lange ist Jesus in der Wüste gewesen, so lang sind die Toten unterwegs, bis sie im Jenseits ankommen. Inzwischen hat mir H. aus Unna ein Handbuch für den Lehrer und Kopiervorlagen für den Englischunterricht geschickt, Schneegedichte, Valentinskarten zum Basteln. Von A. aus Hannover erhalte ich Tabellen, in die ich, wenn ich dazu komme, mündliche Noten eintrage. (Heute kam ich nicht dazu, das wird sich später sicher rächen; fünf Minuten sind verdammt kurz.) Ich habe mich mit roten Gelstiften bewaffnet und auch schon begriffen, wo ich im Klassenbuch unterschreiben – und dass ich es zur ersten Stunde mitbringen muss!
7. Tag
Mit der 5. Klasse übe ich Groß- und Kleinschreibung und dass die Kinder für ihr Klassenzimmer verantwortlich sind. Stühle hochstellen, Müll sortieren, Salzstangenkrümel auffegen. In der 6. stehen adverbiale Bestimmungen auf dem Programm. „Warum muss Deutsch so langweilig sein?“, höre ich den Klassenkasper seufzen. Dabei fand ich meine Idee gar nicht schlecht, die Adverbien in einem Karnevalsgedicht von Josef Guggenmos zu bestimmen. (In den Klassen hingen noch Adventsgedichte an der Wand, die Deutschlehrerin fehlt schon eine ganze Weile.) Anscheinend bin ich die dritte Vertretung in Folge, die Kinder sind es leid und testen mich aus. Auf ihre Namensschilder haben sie Fantasienamen geschrieben, Hans-Josef, Hildegard; Ali und Ninja scheinen mir eher zuzutreffen. Vom einen Tag zum nächsten hundert neue Namen zu behalten ist die größte Herausforderung.
Mit der 9L würde ich gern Alfred Anderschs Der Vater eines Mörders lesen, laut Lehrplan ist aber das Thema „Erörterung“ dran. Auf die Schnelle funktioniere ich den Einstieg in die Lektüre zum Einstieg in die Erörterung um: „Stellt euch vor, ihr seid Lektor/Hersteller/Vertriebsleiterin und schreibt einen Brief an den Verleger, in dem ihr für das eine und gegen das andere Cover argumentiert…“ Das passt auch zum Thema „Bewerbung für ein Schülerbetriebspraktikum“, das sie zuletzt hatten.
Der Englischunterricht bei den Kleinen verläuft weniger elegant, die Kinder haben eine Stoffschildkröte namens Trundle aufs Pult gelegt, leider habe ich keine Ahnung, wie ich sie einsetzen soll.
8. Tag
Eine Lehrerin, mit der ich am ersten Tag ein paar Worte wechselte, grüßt mich seitdem nicht mehr. Als sie hörte, dass ich nur vertretungsweise da sei, hat sie die Nase gerümpft: „Solche Verträge habe ich immer gemieden.“ Dann hat sie sich schnell ins verlängerte Wochenende (Schnee! Skifahren! Harz!) aufgemacht. Für die sicher beamtete Dame bin ich wohl durchs Raster gefallen: Vertretung = nicht standesgemäß. (Nebenbei: Was bedeutet eigentlich BAT IIa? Ich weiß immer noch nicht, wie viel ich bei diesem Abenteuer verdiene.)
Für die beiden Referendare, die drei Tage nach mir kamen, zähle ich hingegen zum alten Eisen. Welche Fächer ich unterrichte, hat mich die Referendarin gefragt. „Deutsch und Englisch? Dann kommen wir nicht ins Geschäft.“ Heute ist sie früh in der kleinen Teeküche zugange. Sie ist ganz der Typ Kräutertee, trotzdem erkundige ich mich, ob bereits Kaffee da ist. „Da habe ich keine Aktien drin“, erklärt die junge Frau. Ob sie vorher an der Börse gearbeitet habe, frage ich. Diese Metaphern aus der Wirtschaft sind doch ungewöhnlich. Entrüstet antwortet sie, sie sei „Künstlerin“. Nur leider könne man von der Kunst nicht leben.
9. Tag
Im Wissen, dass ich dies nicht die nächsten 30 Jahre machen werde, macht mir der Unterricht Spaß. Sogar großen Spaß. (Vielleicht habe ich ein Schulmeister-Gen in mir, das zur Entfaltung drängt?) Aber wer so etwas in einem Lehrerzimmer laut sagt, erntet vermutlich erstaunte Blicke.
Wann dürfen Lehrer eigentlich Erfolg empfinden? Wann werden sie je gelobt? Unter Autoren kann man schon mal von einer schönen Lesung oder auch einem gut sortierten Buchhändler schwärmen. „Ich habe eine Geschichte verfasst, die zieht Dir die Schuhe aus“, schrieb mir kürzlich F. Aber unter Lehrern? „Hört mal, Leute, eben habe ich eine super Stunde gegeben…“
12. Tag
In Englisch habe ich noch immer nicht ergründet, wo die 5. Klasse genau steht. Wenn ich drei Hefte einsammle, drei verschiedene Kinder befrage, finde ich jedes Mal etwas anderes heraus. Dieses Kind übt mit einer ehrgeizigen Mutter, jenes steht völlig allein. Die Vertretungslehrerin, die vor mir da war, ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden, mitsamt dem Test, auf dessen Korrektur die Kinder warten. Immerhin habe ich alsbald erfahren, dass Murat „kein Gymkind“ ist: „Der gehört hier nicht hin.“
Beim Heftekorrigieren im Lehrerzimmer habe ich das Bild eines anderen Jungen vor Augen, Hamid mit dem nachsichtigen Lächeln – auch bei mir bekommt er eine Sechs im Diktat. Wo kommt dieser Junge wohl her? „Aus Afghanistan oder so“, antwortet der Mathelehrer. Als Autorin kann ich noch Monate später an Hamid denken, als Lehrkraft muss es mir reichen, dass er eines Tages fehlt und die Mutter mitten in der Stunde in den Unterricht platzt, um den Turnbeutel abzuholen. Von nun an müssen sich die Lehrer der Gesamtschule um Hamids mangelnde Deutschkenntnisse kümmern.
13. Tag
Spaß hin oder her, heute habe ich den Klassenkasper der 6. ins Klassenbuch eingetragen. Die anderen Kinder haben durchaus befriedigt geguckt. „Ich muss die Kinder vor mir schützen“, denke ich in der Pause. „Ich muss mich vor mir selber schützen!“ Enorm, dass es Lehrer gibt, die nach etlichen Dienstjahren noch immer ihren Humor bewahrt haben. Ich würde wohl längst zum verbitterten Typus zählen.
15. Tag
Dieser elende 45-Minuten-Rhythmus! Daran gewöhne ich mich im Leben nicht mehr. Manchmal ist schon nach 40 Minuten alles gesagt. Dann wieder bleibt zwischen zwei Stunden kaum Zeit, um vom einen zum anderen Thema, vom einen zum anderen Schüler oder Problem umzuschalten. In der Freistunde, beim Frei-Gang, ertappe ich mich bei dem Gedanken: Dieser Beruf kommt mir wie Gehirnwäsche vor. Er müsste ideal sein bei Liebeskummer oder zu Zeiten, in denen man nicht so viel denken mag. Ob ich hier zu einem neuen Krimi inspiriert werde, hat mich jemand gefragt. Nein, ich habe hier überhaupt keine Inspirationen, dieser Teil von mir ist völlig ausgeschaltet; das ist vielleicht die Erfahrung, die mich am meisten erstaunt.
16. Tag
Im Lehrerzimmer gibt es eine Damen- und eine Herrentoilette. Das mag anderswo für 40 Angestellte reichen, sicher gibt es da Bestimmungen im Arbeitsrecht. Aber hier haben alle die gleichen Fünfminutenpausen! Für Frauen im gebärfähigen Alter eine Zumutung an manchen Tagen, für Männer mit Prostataproblemen vermutlich auch.
17. Tag
Die Euphorie der ersten beiden Wochen ist verflogen, ich bin erkältet und erschöpft wie schon lange nicht mehr. Ein Burn-out schon nach zwei Wochen? Was macht diesen Job so aufreibend? Die Kinder sind lustig, die Jugendlichen diskursfähig, zum Teil freue ich mich richtig auf sie. Die Stimmung im Lehrerzimmer – und bei den netten Müttern in der Cafeteria – ist freundlich. Was mir als das Anstrengendste erscheint: Lehrer sind ständig umgeben von anderen Leuten, aber obwohl sie permanent kommunizieren, sind sie allein. Eine Aura von Einsamkeit umgibt sie, wenn sie auf den Schulfluren aneinander vorbeilaufen. Kaum reicht die Zeit für mehr als ein Kopfnicken, ein schnelles Hallo.
„Ich lebe aus meiner Aktentasche“, sagt einer, ja, sie sind Wanderarbeiter, kaum je bei sich selbst, schon wieder auf dem Weg zum nächsten miefigen Klassenzimmer. Es mache ältere Männchen aggressiv, wenn sie über längere Zeit die Ausdünstungen jüngerer Männchen einatmen, erzählt mir Krimikollege M. am Telefon. Ältere Weibchen wie mich scheint die Mischung aus Leberwurstbroten und Kreidestaub nur müde zu machen. Leider finde ich mich an diesem Wochenende nicht entspannt in der Sauna wieder, sondern bei der Heftkorrektur.
18. Tag
Während ich so viel Rotstift verbrauche, wie ich in meiner gesamten eigenen Schulzeit nicht zu Gesicht gekriegt habe, frage ich mich, ob Lehrer wirklich Sadisten sind. Oder nicht doch eher Masochisten? So viel Hingabe an die Unwissenheit anderer Leute! Diese Sisyphusarbeit! „An deiner Ausdrucksschwäche müssen wir noch arbeiten“, hat Frau Z., die ich vertrete, unter einige frühere Deutschaufsätze geschrieben. Soweit ich erkennen kann, hat sich an diesen Schwächen bislang nur einer abgearbeitet: sie selbst.
19. Tag
„Wir sind die Gearschten der Nation“, schimpft man im Lehrerzimmer. „Für die Eltern gehören wir doch zum Hauspersonal. Wir sind Domestiken.“ – „Mit 1756 Lehrerarbeitsstunden liegen wir in Hamburg weit an der Spitze gegenüber einem Bundesdurchschnitt von nur 1300 Stunden. Die Hyper-Gearschten sind wir hier!“
20. Tag
Elternsprechtag. Im 15-Minuten-Takt stehen die Eltern vor der Tür, die letzten gehen abends um acht. Aus Lehrerperspektive nehme ich Eltern plötzlich als andere Wesen wahr. Die einen rufen morgens um sieben Uhr an, weil Töchterchen Schnupfen hat, die anderen tragen dem Sohn das Etui in den Unterricht nach. Gemeinsam ist allen eine gewisse Nervosität, wenn man über ihre Kinder redet. Offenbar ist der Lehrer doch eine Respektsperson, zugleich ein Psychotherapeut. (Nie wieder werde ich die Lehrer meiner Kinder mit privaten Themen belasten!)
23. Tag
Im Lehrerzimmer riecht es nach einem Fertiggericht mit asiatischen Gewürzen. Anscheinend hat man im Vorgriff auf die kommende Ganztagsschule eine Mikrowelle angeschafft.
26. Tag
Nach dem Aufstand in der 6. am Freitag, weil die Klassenarbeit schlechter als erwartet ausgefallen war, stehe ich am Morgen vor einer geschlossenen Klassentür, hinter der es verdächtig still ist. Sonst toben sie immer noch im Treppenhaus herum. Ich hole Luft und drücke die Klinke. Doch hinter der Tür erwartet mich weder Boykott noch Tohuwabohu: Brav sind die Köpfe über Bücher und Hefte gebeugt. So läuft es also, Noten disziplinieren. Und obwohl man ja weiß, dass es so läuft, finde ich es doch deprimierend.
27. Tag
Alle paar Tage taucht im Lehrerzimmer eine Schale mit Rohkost auf, Weintrauben, Paprikastreifen, Möhrenscheibchen. Mehrere von mir befragte Lehrer wussten nicht, woher die Vitamine stammen. „Irgendeine der Damen hat wohl einen Gemüsegarten“, war das Äußerste an Information, das ich bekam.
28. Tag
Immer wieder wundere ich mich, wie wenig begierig auf Neues viele Lehrer sind. Aber wird sich ein neugieriger Mensch für einen Beruf entscheiden, den er 13 Schuljahre lang aus nächster Nähe hat ansehen können? Und wenn er neugierig wäre: Das System triebe es ihm aus. Auch ich habe weder Kraft noch Zeit, mich näher auf den jungen Mann einzulassen, der mir gestanden hat, dass er Schriftsteller werden will. Und wie soll sich dieser Widerspruch auflösen – es sind, fürchte ich, oft eher lebensängstliche, auf Sicherheit bedachte Menschen, die eine Lehrerlaufbahn wählen. Und ausgerechnet die kriegen dann die volle Breitseite gesellschaftlicher Probleme ab.
Als ich vor 15 Jahren für die Bertelsmann Stiftung einen deutsch-amerikanischen Lehreraustausch leitete, war für die Amerikaner die Arroganz der deutschen Gymnasiallehrer gegenüber Grund- und Hauptschullehrern besonders unverständlich. Wie will man mehr Achtung in der Gesellschaft einklagen, wenn man die eigenen Kollegen diskriminiert? Die Amerikaner kritisierten auch die mangelnde Zusammenarbeit der Deutschen; zwei Seiten einer Medaille, auch Teamfähigkeit erfordert Neugierde. Auf die anderen und auf sich selbst.
31. Tag
Sollte ich mich in, sagen wir, sieben Jahren spaßeshalber als Bildungssenatorin bewerben, so lägen mir zwei Dinge am Herzen. Erstens: Mehr Frei-Raum für Lehrer! Wieso muten die Deutschen ihren Schulmeistern diese Wanderarbeit zu? Warum kann nicht jeder Lehrer, wie anderswo auch, seinen eigenen Klassenraum haben? Der Physiklehrer hängt ein Plakat von Einstein an die Wand, die Französischlehrerin begeistert mit Simone de Beauvoir für Feminismus und Turbanmode. Der Fantasie eines jeden Lehrers sind keine Grenzen gesetzt. Aber er ist der Hausherr! Die Gastgeberin! Keine Salzstangenkrümelei mehr auf dem Pult, kein Herumlümmeln und Schnell-noch-das-Kaugummi-unter-die-Bank-Kleben, wenn der arme Irre mit der Aktentasche erscheint! Zwischendurch darf die Studienrätin die Tür hinter sich schließen und einmal laut seufzen. Den Lippenstift nachziehen, beim autogenen Training entspannen, auch den Liebsten anrufen. Und ihr Kollege kann seine Stulle verzehren, ohne dass jemand sieht, wie ihm das Eigelb im Mundwinkel hängt. Zweitens: Mehr Frei-Zeit für Lehrer! An meinen Schulen, wäre ich Bildungssenatorin, wären die Lehrer von 8 bis 17 Uhr da. Es bräuchte keine komplizierten Lehrerarbeitszeitmodelle und machte den Beruf mit anderen Berufen vergleichbar. Gespräche mit Eltern und Schülern wären jeden Nachmittag möglich; die Kinder hingen nicht mehr in Trauben vor dem Lehrerzimmer herum, um sich zu dritt, zu fünft, zu acht eine Lehrerpause zu teilen. Klassenarbeiten würden in der Schule korrigiert und nicht am Wochenende. Alle hätten gelassen Zeit für ihre Arbeit – und für den Feierabend.
33. Tag
Seit ich im Lehrerzimmer angedeutet habe, dass ich vielleicht einen Artikel über meinen Schulausflug schreibe, werde ich von besagter Dame wieder gegrüßt. Sie hat mir sogar zugelächelt.
34. Tag
Noch sieben Tage. Langsam beschleicht mich Wehmut. Für manche Themen hätte ich gern mehr Zeit mit den Schülern und würde auch gern noch mal etwas anderes ausprobieren. Der Rollenkonflikt Autorin/Lehrerin ist nicht wirklich befriedigend gelöst. Da ich mich brav an den vorgegebenen Lehrplan halte, um nicht allzu viel Unfug zu stiften, habe ich das, was ich über ihn hinaus zu bieten hätte, eher zurückgehalten. Wenn das Modell der Zukunft die billige Vertretungskraft ist, müsste man ihr wenigstens die Freiheit lassen, ihre speziellen Kompetenzen einzubringen. Sonst bekommt man nur eine weniger professionelle Lückenbüßerin in den Tausch; verschenktes Potenzial.
38. Tag
Schon typisch Lehrerin, habe ich eine Last-Minute-Reise in die Sonne gebucht; sonst gehöre ich nicht zu denen, die in den Ferien unbedingt wegfahren müssen. Vermutlich fliehe ich vor den Erörterungen, die auf gute Noten warten. „Soll das Klonen von Menschen ermöglicht werden?“ (Was ich noch nicht weiß: in den „Ferien“ werde ich sechs volle Tage mit den Heften zubringen. Da hilft auch kein „Korrigier rasch, du willst noch ins Kino!“, wie es bei Ödön von Horváth so schön heißt.)
39. Tag
Der Schulleiter hat gefragt, ob ich den Vertrag bis auf weiteres verlängern könnte. Seit Wochen sitzen meine Romanfiguren in Island in der Sauna fest. Wie kommen sie, wie komme ich nur je wieder aus diesem Schlamassel heraus?
Von Regula Venske (Hrsg.) ist neu erschienen: „Der ganz normale Wahnsinn. Von der Liebe und dem Leben“ (Geschichten für Jugendliche ab 14 Jahren), C. Bertelsmann Jugendbuch Verlag
- Datum 24.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.06.2004 Nr.27
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