Wo lernt ein Lehrer eigentlich unterrichten? Kann nicht jeder Mensch mit Abitur und pädagogischem Eros Kindern etwas beibringen? Vor nicht allzu langer Zeit hätten sich solche Fragen in Deutschland verboten. Man war stolz auf die hiesige Lehrerausbildung. Angehende Pädagogen erwerben ihre Fachkenntnisse auf höchstem wissenschaftlichen Niveau, unterrichtet von veritablen C4-Professoren für Germanistik, Physik oder Anglistik. Nebenbei pauken die Studenten erziehungswissenschaftliche Theorien von Fröbel bis Hentig. Danach müssen die Lehramtskandidaten zwei Jahre durch die harte Schule der Praxis, bis sie, staatlich geprüft und verbeamtet, ihr Können an den Schülern entfalten dürfen. Kurzum, kaum ein anderes Land bereitet seine Schulmeister auf ihr Berufsdasein so gut und gründlich vor – dachten die Deutschen.

Heute ist von den Gewissheiten nur eine geblieben: Die Ausbildung dauert zu lange. Was das Lehrerstudium sonst taugt, ist ungewiss. Deutschland steht mit diesen Zweifeln nicht allein. "In sehr vielen Staaten ist man unzufrieden mit der Lehrerausbildung", sagt Sigrid Blömeke von der Berliner Humboldt-Universität. Gerade kommt die Professorin für Unterrichtsforschung von einem Seminar in den USA, wo die Ratlosigkeit groß war. "Die Deutschen schauen in die USA, die Amerikaner zu uns. Für andere sind die Australier ein Vorbild, die jedoch ebenso ihr Lehrerstudium reformieren wollen." Die Unsicherheit hat eine gemeinsame Wurzel: weltweit fehlen Erkenntnisse, welche Ausbildung Abiturienten zu guten Lehrern macht.

Diesen Missstand will eine neue Studie beheben, die Teacher Education Study (Teds). Initiiert wird dieses "Pisa für Lehramtsstudenten" von der internationalen Forschungsorganisation IEA, die bereits mit der Timss-Erhebung und der Iglu-Grundschulstudie für Schlagzeilen sorgte. Vom nächsten Januar an wird die IEA in rund 30 Ländern vor allem im Fach Mathematik prüfen, welche Ausbildungsmodelle den größten pädagogischen Nutzen für den Unterricht haben.

Die Experten wollen Curricula vergleichen sowie Persönlichkeitsmerkmale und Schulnoten von Studienanfängern im Lehramt. Zugleich sollen Junglehrer befragt werden, wie ihr Studium ihnen in der Klasse weiterhilft. Ob sich Deutschland an Teds beteiligt, ist noch ungewiss. So sei nicht klar, wer die Studie bezahlt und ob die Kultusministerkonferenz ihr Einverständnis gibt, sagt Blömeke.

Hinweise auf mögliche deutsche Ergebnisse liefern allerdings schon jetzt kleinere Untersuchungen zur Lehrerprofession. So hat der Ulmer Pädagoge Ullrich Hermann herausgefunden, dass die meisten Gymnasiallehrer ihren Beruf aus Interesse für Deutsch, Physik oder Kunst ergreifen – nicht aber als bewusste Entscheidung für die Arbeit als Pädagoge. Viele Männer suchen einen Beruf ohne Risiko, viele Frauen wollen Beruf und Familie miteinander verbinden. Außerdem ist die Bereitschaft unter Abiturienten, Lehrer zu werden, in den vergangenen Jahren stetig gesunken. Gerade die besten Studienbewerber wenden sich heute anderen Fächern und Berufen zu.

Erste Einblicke in die Wirksamkeit der Lehrerausbildung gibt eine Studie, die vergangene Woche vorgestellt wurde. Erziehungswissenschaftler der Universität Lüneburg haben angehende Lehrer in Deutschland und der Schweiz über mehrere Jahre begleitet und sie zu Beginn und Ende ihres Studiums sowie nach den ersten Erfahrungen vor der Klasse befragt. Die Ergebnisse sind für die deutsche Universitätspädagogik tröstlich und ernüchternd zugleich. Zum einen kann offenbar ein erziehungswissenschaftliches Studium tatsächlich etwas bewirken – zum anderen hinterlassen Seminare und Vorlesungen wenig Spuren im Schulalltag. Viele deutsche Lehrer sind trotz sechs- bis achtjähriger Ausbildung Autodidakten: Beim Unterrichten orientieren sie sich eher an ihrer Intuition oder der Erfahrung mit eigenen Kindern als an dem, was sie in Studium und Referendariat gelernt haben. Lieber bedienen sie sich aus einem privaten Schatzkästlein mit Tipps, Rezepten und überlieferten Glaubenssätzen.

Die Lüneburger Forscher vermuten, dass die Zersplitterung der Ausbildung in Deutschland für ihre Wirkungslosigkeit verantwortlich ist. Theorie und Empirie, Pädagogik und Fachwissenschaft laufen unverbunden nebeneinander her. Der pädagogische Ernstfall des Unterrichtens tritt erst im Referendariat ein, das wiederum nur wenig mit dem Studium zu tun hat.

In der Schweiz, wo die einzelnen Teile wesentlich besser verzahnt sind, scheinen die Studenten stärker von ihrer Ausbildung zu profitieren. "Ich war verblüfft, wie reichhaltig und differenziert Schweizer Absolventen ihre Vorstellung von Unterricht beschreiben und wie planvoll sie später mit Problemen im Unterricht umgehen", sagt Karin Nölle, die Projektleiterin der Lüneburger Studie. Auch eine Gruppe von Junglehrern aus Oldenburg, bei deren Ausbildung die Praxis mehr Raum einnahm, schnitt etwas besser ab.