Am 1. August wird Gerhard Schröder neben Polens Präsident Aleksander Kwa™niewski stehen, wenn an den Warschauer Aufstand erinnert wird. Am 9. Mai nächsten Jahres reist er zu Wladimir Putin nach Moskau, wenn die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Kriegsendes beginnen. Die Überfallenen, die Opfer, wollen es so. Gerne.

So hatte auch Jacques Chirac den Nachbarn, der "Bruder" geworden ist, zum D-Day in die Normandie eingeladen, Befreite, Sieger und die ehemals Besiegten alle auf einem Bild, das viel zu nivellieren, wenn nicht vergessen zu machen schien. Schröder kommentierte mit der Bemerkung, "der Inhalt dieser Einladung heißt doch: Der Zweite Weltkrieg ist endgültig vorüber." Sein Zusatz: Es sei der Beginn der "Befreiung" gewesen, der Befreiung Europas und Deutschlands. Beides zusammen skizziert tatsächlich fast perfekt das Geschichtsverständnis der herrschenden Generation. Oder nur das Schröders?

Der Kanzler entsorgt nicht die Vergangenheit, er wählt auch nicht einfach die falschen Worte – aber tatsächlich geht es mit der "Historisierung" der eigenen Vergangenheit, gerade unter rot-grüner Regie, in atemberaubendem Tempo voran. Wenn es aber so ist, wie weit verliert die Vergangenheit dann ihren konstitutiven Charakter für das Selbstverständnis der Republik? Flucht und Vertreibung, aber auch die DDR-Opfer rücken zunehmend ins Licht, als sei das gewachsene Selbstverständnis einer fatalen Asymmetrie in der Wahrnehmung erlegen. "Bautzen ist nicht Auschwitz!", sah sich der Ostdissident Günter Nooke zwar gerade im Parlament zu beteuern veranlasst. Dennoch: Die Gleichung zwischen den "Opfern der beiden deutschen Diktaturen" wurde so obsessiv gezogen, als könne man eine Aufwertung der eigenen Opfergeschichte nur noch durch eine provokative Vermischung mit dem einmaligen "Auschwitz" erreichen.

Abwicklung ins Nüchterne

Allerdings: Das Zentrum für Vertreibung, das Edith Steinbach plant, wird von Schröder blockiert. In der Normandie hat er die Worte im Großen und Ganzen mit Bedacht gewählt, hat an Oradour erinnert, an die bleibende Verantwortung, auch wenn er verwaschen von einem "Sieg für Deutschland" und von Opfern generell sprach. Das alles aber als Neuauflage alter Normalisierungsversuche, als bloßen "Trick" (FAZ) zu deuten geht an der Sache vorbei.

Man kann ja schwer übersehen, dass die Koalition, die einst träumte, die Berliner Republik fröhlich voluntaristisch gestalten zu können, enorm viel Neuland betreten musste, vom Kosovo-Krieg über den Irak bis zur Erweiterung Europas. Zugleich aber entfernte sich die Vergangenheit objektiv von der Gegenwart; "1989", die zweite deutsche Vergangenheit, ragte fremd, befremdlich in das gewachsene West-Selbstverständnis hinein. Das alles verknüpfte sich zu einem eigentümlichen Mosaik: Nicht eine ausdefinierte Berliner Republik bildete das Gerüst oder gar den nationalen Kern, vielmehr geriet man mit Rot-Grün seit 1998 in einen seltsam unhistorischen Raum. Die Pointe ist geradezu, dass die Generation Schröder, meine Generation, die sich rühmte, die "Vergangenheit" stets hellwach präsent zu haben, nicht wirklich unter plumpem Normalisierungsverdacht steht, nun aber den Verdacht auf eine gewisse "Geschichtslosigkeit" nicht mehr loswird. Man erlebt zwar nicht "eine Art Schadensabwicklung", also die Entsorgung der Vergangenheit, aber eine Abwicklung ins Nüchterne, Routinierte schon; nur ist die Vergangenheit dabei integriert. Drei Generationen nach der Befreiung sei manifest geworden, so lautete die Auskunft der Regierung, dass die Umkehr des Landes stattfand; das Nachkriegsschattenreich des Vergessens und Verdrängens sei endgültig Vergangenheit. Siehe: Jüdisches Museum und auch Holocaust-Mahnmal im Herzen Berlins.

Endgültig aber hat erst das merkwürdige Nebeneinander den Raum für Missverständnisse geschaffen: Wie der Kanzler historisch entschlackte "deutsche Interessen" betonte und ebenso selbstverständlich anmahnte, ihm und seiner Generation könne man Vergesslichkeit nun wahrlich nicht vorwerfen. Solches Nebeneinander wurde zur "Linie".

Falsch war und ist der Vorwurf, die deutsche Politik habe sich spätestens im Irak-Krieg zum "Rückzug aus der Geschichte" entschlossen. Das Nein beharrte geradezu auf Lehren aus der Geschichte, nur war das ungenau formuliert. Man wollte nicht mit Moral auftrumpfen! Dem amerikanischen Kolumnisten Robert Kagan, und nicht nur ihm, lieferte das Bestätigung für eine Mutmaßung: Europa, schrieb er in seinem Essay über Macht und Ohnmacht, wende sich ab von der Macht. Es betrete eine "in sich geschlossene Welt von Gesetzen und Regeln", "ein posthistorisches Paradies von Frieden und relativem Wohlstand, das der Verwirklichung von Kants ‚Ewigem Frieden‘ gleichkommt". Die Vereinigten Staaten blieben hingegen "der Geschichte verhaftet" und übten "Macht in einer anarchischen Hobbesschen Welt aus, in der auf internationale Regelungen und Völkerrecht kein Verlass ist".