entscheiden Ohne Abschluss, mit Erfolg
Im Studium gescheitert, für manche Arbeitgeber dafür umso interessanter: Studienabbrecher gelten als besonders motiviert
Mit 31 hatte Jan Wagener genug. 18 Semester lang hatte er Philosophie studiert, doch der Abschluss war nicht in Sicht. Hatte er das Grundstudium noch gut hinter sich gebracht, so lief das Hauptstudium an ihm vorbei: zu detailverliebt die Seminare, zu kompliziert die Vorlesungen. Wagener: „Das war nicht das, was ich mir unter Philosophie vorgestellt hatte.“ Als schließlich Studiengebühren drohten, brach er das Studium ab. Bereut hat er das nie.
Heute lässt sich Jan Wagener an der School of Life Science im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) zum Biologisch-Technischen Assistenten ausbilden. Mit ihm lernen 18 weitere Studienabbrecher mit Ex-Fächern von Elektrotechnik bis Ägyptologie. „Es ist Klasse“, sagt er, „die Arbeitstage sind klar strukturiert, und ich bin ziemlich sicher, nach der Ausbildung einen Job zu finden.“
Nicht ganz zu Unrecht. Zwar gilt ein Studienabbruch in Personalabteilungen keineswegs als Gütesiegel. Doch die Zeiten, in denen ein fehlendes Examen zum Taxifahren zwang, sind vorbei. Zahlreiche Firmen und Ausbildungsstellen suchen sogar gezielt nach Abbrechern. Das erstaunt nur auf den ersten Blick. Denn schließlich verlassen nach einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) rund 23 Prozent eines Studentenjahrgangs die Universitäten und Fachhochschulen ohne Abschluss. Das sind jedes Jahr rund 70000 junge Männer und Frauen. Und Überforderung oder mangelnde Leistungsbereitschaft ist keineswegs der Hauptgrund für den Abbruch. „Die meisten haben sich im Fach getäuscht und nicht rechtzeitig den Absprung geschafft“, sagt Andreas Barz, Leiter des Zentrums für Studienberatung an der Universität Heidelberg.
Das scheinen die Erfahrungen an der Hamburger School of Life Science zu bestätigen. „Unsere Azubis sind extrem motiviert. Schließlich ist das für die meisten die letzte Chance“, sagt der Ausbildungsleiter Stefan Marotzki. Der UKE-Toxikologe hat die Schule vor einigen Monaten mit Geldern des Europäischen Sozialfonds gegründet. Seit Februar lernt nun der erste Lehrgang von Studienabbrechern, Nukleinsäuren zu isolieren oder Zellkulturen anzusetzen. Grund für Marotzkis Engagement war der Bedarf am Arbeitsmarkt. „Biologisch-Technische Assistenten sind sehr gesucht, und Studienabbrecher sind dank ihrer Vorbildung für die Ausbildung sehr geeignet“, sagt er.
Auch Thomas von Göler, der Geschäftsführer des juristischen Fachverlags Dr. von Göler aus München, sucht bewusst Jurastudenten ohne Examen. Zurzeit arbeiten bei ihm zwei Abbrecher. „Sie passen perfekt zu uns, weil wir zwar Mitarbeiter mit juristischen Kenntnissen brauchen, aber keine mit Examen“, sagt von Göler. „Abgeschlossene Juristen würden den Verlag sofort verlassen, sobald sie ein Angebot als Volljurist bekämen.“
Trotz allem ist ein Abbruch des Studiums kein Freifahrtschein ins Chefbüro. „Wer mit seinem Studium unzufrieden ist oder es nicht schafft, sollte daher rechtzeitig über einen Fachwechsel nachdenken“, rät Studienberater Barz. Auch die Entscheidung für einen Abbruch sollte man nicht zu lange vor sich herschieben. Jan Wagener etwa ärgert sich heute, dass er sich jahrelang mit Logik und Ethik beschäftigt hat: „Ich bereue nicht, dass ich an der Uni war, aber die letzten Semester hätten wirklich nicht sein müssen.“
Dass Studienabbrecher nicht nur einen Job finden, sondern sogar florierende Unternehmen gründen können, zeigt Susanne Hildebrecht, 37. Gerade einmal drei Semester Spanisch und Psychologie studierte sie, bevor sie 1993 in Hamburg mit einer Kommilitonin die Bed & Breakfast-Agentur ins Leben rief. Seitdem vermitteln die beiden erfolgreich Privatzimmer, haben nun Franchise-Partner in 13 deutschen Großstädten.
Über mangelnden Geschäftserfolg kann sich auch Mirko Holzer, 27, nicht beklagen. 1999, da hatte er erst das Informatik-Vordiplom, gründete er mit einem Freund die Software-Schmiede PI-Consult. 800 Euro Umsatz machten die Karlsruher im ersten Jahr; heute sind es 3,5Millionen. PI-Consult beschäftigt 88Mitarbeiter in Deutschland, Russland, Bulgarien und Rumänien, darunter auch Studienabbrecher. „Es war nicht leicht, die Uni zu verlassen, schließlich bedeutete es ja einen Schritt in die Unsicherheit“, sagt Holzer. Hat ihm das fehlende Diplom jemals einen Nachteil gebracht? „Nein, ich bin noch nie darauf angesprochen wurden – aber einen Geschäftsführer fragt man so etwas wohl auch nicht.“
- Datum 24.06.2004 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 24.06.2004 Nr.27
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