Life ScienceDie Menschen-Macher

Den Reproduktionsmedizinern wird bald der Nachwuchs ausgehen – nur wenige Ärzte interessieren sich dafür, Eizellen und Sperma im Reagenzglas zusammenzubringen von Ulla Hanselmann

Mit einer Nadel pikst Birgit Wetzka Follikelbläschen in der Patientin an und saugt die darin schwimmenden reifen Eizellen ab. Im Reagenzglas bringt sie sie mit Sperma zusammen. Wenn alles gut geht, Ei und Spermium sich vereinen, setzt die Gynäkologin nach einigen Tagen bis zu drei der bis dahin herangewachsenen Mini-Embryonen der Patientin wieder ein. Gut ein Viertel ihrer Arbeitszeit verbringt Birgit Wetzka, 40, im OP. Zu ihren Standardaufgaben als Frauenärztin in einer Freiburger Gemeinschaftspraxis gehört die In-vitro-Fertilisation (IVF).

Für Wetzka ist es das Schönste, wenn sie vier Wochen später bei einer Ultraschalluntersuchung das Herz eines Embryos schlagen sieht: "Das ist jedes Mal ein aufregender Moment." Als schwierig empfindet sie dagegen die Gespräche mit den Patientinnen. "Die Operationstechniken kann man lernen. Aber die Betreuung ist eine echte Herausforderung, vor allem, wenn es mit der IVF nicht geklappt hat."

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Gleichwohl fühlt sie sich auch für die psychologische Seite ihrer Arbeit gut gerüstet: "Während der Facharztausbildung habe ich einen Pflichtkurs in psychologischer Betreuung absolviert. Und wir arbeiten mit einer Psychologin zusammen, mit der ich mich austauschen kann." Nur reproduktionsmedizinische Teams mit einem Psychologen dürfen künstlich befruchten.

Birgit Wetzka ist gerade dabei, die "fakultative Weiterbildung Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin" zu absolvieren. Hinter dem sperrigen Begriff verbirgt sich die spezielle Ausbildung der Frauenärzte, die in den Medien gern als "Babymacher" umschrieben werden. Die Praxis, in der sie seit vergangenem Jahr arbeitet, hat sich auf Patientinnen mit Fruchtbarkeitsstörungen spezialisiert.

Bis zum Jahresende wird Wetzka die Weiterbildung abschließen. Den von der Ärztekammer vorgeschriebenen Leistungskatalog hat sie allerdings jetzt schon abgearbeitet: Um als Reproduktionsmediziner anerkannt zu werden, muss man beispielsweise 100 Spermaproben untersucht, 100 IVF-Behandlungen betreut oder 80 Bauchspiegelungen vorgenommen haben.

Wie Birgit Wetzka spezialisieren sich gerade mal zwei Dutzend Gynäkologen jährlich in Deutschland zum Hormon- und Fertilitätsmediziner. Das ergab eine Studie von Monika Bals-Pratsch, die als Reproduktionsmedizinerin in Regensburg eine Praxis mitbetreibt. Nur 2,2 Prozent der rund 15000 deutschen Frauenärzte können diese Qualifizierung vorweisen.

Diese geringe Zahl erstaunt angesichts des Booms, den die Fertilitätsmedizin seit Jahren erlebt. Wurden noch Anfang der achtziger Jahre rund 700 künstliche Befruchtungen jährlich durchgeführt, sind es laut Deutschem IVF Register inzwischen rund 87000; die Zahl der IVF-Zentren stieg in der gleichen Zeit von 5 auf 112.

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