Lange Catwalks und lange Beine, Modenschau in Mailand und Casting in Paris: Die Studenten an den 90 staatlichen und privaten Modeschulen in Deutschland träumen von der Karriere im Blitzlichtgewitter. Doch nur die wenigsten werden am Ende wirklich Haute Couture entwerfen. Die Träume vom Jetset- Leben zerplatzen meist schon nach wenigen Semestern. Wer sich vorher in die Nobelwelt von Prada, Gucci und Chanel wünschte, beschäftigt sich plötzlich mit Massenproduktionen für C&A, H&M und P&C.

"50 bis 60 Prozent der Studenten verdienen ihre Brötchen nach dem Studium in der Industrie", schätzt Alexandra Albrand, Mode-Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg. Denn in Modehäusern, in denen täglich mehr als eine Million Kunden einkaufen, ist auch der Bedarf an kreativen Köpfen groß. Allein bei C&A arbeiten rund hundert Designer an der Ware für 550 Filialen in Europa, 262 davon in Deutschland.

"Mode ist ein Kampf", sagt Susanne Riess. Sie ist 37 Jahre alt, arbeitet als Fashion-Koordinatorin der C&A-Marke Yessica und ist damit eine Art Chefdesignerin. Seit 14 Jahren ist sie bei C&A – und musste erst lernen, wie schwierig es ist, die Balance zwischen künstlerischer Freiheit und wirtschaftlichen Notwendigkeiten in einem Großkonzern zu finden. Riess muss zwischen Designern und Einkäufern vermitteln: "Manchmal ist es schade, dass man sich beschränken muss. Man sieht vielleicht auf Messen schöne Stoffe, die nur drei oder vier Euro zu teuer sind." Doch schon diese drei, vier Euro sind ein knallhartes Ausschlusskriterium bei der Suche nach billiger Ware für den Massenmarkt.

Viele Nachwuchs-Designer, sagt Riess, wollten unbedingt bei Paul Smith, Vivienne Westwood oder Dolce&Gabbana arbeiten. Dort müssten die Modemacher schließlich nicht die gleichen Abstriche machen wie bei der Produktion für die Stange: "Man hat das Gefühl, dass man dort aus dem Vollen schöpfen kann, was hier natürlich nicht geht." Bei C&A heiße es dann: "Das ist zu teuer, das produziert mir keiner in Fernost, das ist zu dies, das ist zu jenes", sagt Riess. Sie selbst erzählt, sie habe nie von der großen Haute-Couture-Karriere geträumt. Bei C&A hat eine Aufgabe für die Chefdesignerin aber auch einen besonderen Reiz: Sie schaut sich an, was in Paris oder Mailand auf den Laufstegen gezeigt wird – und fragt sich, ob das auch C&A-Kundinnen in Paderborn oder Marburg tragen könnten. Aus überdrehten, schwer herzustellenden Kollektionen muss erschwingliche und tragbare Stangenware werden. "Man muss sich damit abfinden, dass man hier nicht als Design-Prinzesschen sitzt und sagen kann: ‚Heute machen wir mal alles in Rot‘, und alle entwerfen etwas Rotes."

Wer Mode für den Alltag produziert, muss vor allem in Konzepten denken. "An Einzelteilen muss zwar gearbeitet werden, Details sind auch wichtig, aber letztlich muss alles in ein übergeordnetes Konzept passen", sagt Riess, die in der Kinderabteilung des Modehauses angefangen hat. So hängen in diesem Sommer Röcke und Tops in den C&A-Filialen, die alle im Stil der fünfziger Jahre geschneidert sind. Eine Bluse à la Sixties neben einem Kleid mit japanischen Anleihen wäre verpönt.

Das muss berücksichtigen, wer bei C&A einsteigen will, und natürlich soll er oder sie eine gute Mappe haben, kreativ sein und mindestens drei bis vier Jahre als Designer gearbeitet haben.

Doch eben diese Berufspraxis fehlt den meisten Absolventen der Universitäten, Fachhochschulen und privaten Modeschulen. Wie soll man auch Berufserfahrung sammeln, wenn man ohne sie keine Anstellung findet? "20Prozent unserer Absolventen versuchen, sich mit einem eigenen Label durchzusetzen, aber nur die Hälfte schafft es. Die anderen scheitern, weil es zu früh war", berichtet die Mode-Professorin Albrand.