Der britische Daily Telegraph hat seine nähere Zukunft zwei Investmentbankern zu verdanken: dem Chef der Finanzhauses Lazard Freres in New York, Bruce Wasserstein, und dem in London arbeitenden Dealmaker Nicholas Schott. So erzählen es Investmentbanker, die das Wettbieten um das britische Herzblatt der konservativen Mittelklasse verfolgt haben.

Ebenfalls den Besitzer wechseln werden das Sonntagsblatt Sunday Times sowie das ehrenwerte und für seine teils skurrilen Autoren bekannte Magazin Spectator. Für alle drei galt bis vor kurzem der deutsche Axel Springer Verlag als aussichtsreicher Käufer. Die Berliner mögen öffentlich nicht einmal mitteilen, ob sie geboten haben. Aber letztlich war das Springer-Angebot wohl nicht hoch genug. Alles deutet darauf hin, dass auch die amerikanisch-britischen Finanzinvestoren von 3i und Veronis Suhler Stevenson nicht zum Zug kommen. Eine entscheidende Sitzung der Verkäufer endete erst nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe, doch mehrere, dem Verfahren nahe stehende Mitarbeiter sagten, alles liefe auf David und Frederick Barclay hinaus. Sie würden die Blätter bekommen – für sage und schreibe fast 700 Millionen Pfund. Die schottischen Zwillinge, die zurückgezogen auf einer mächtigen Burg im Ärmelkanal residieren, haben reichlich Zeitungserfahrung. Ihnen gehört bisher schon der Scotsman in Edinburgh und die sonntägliche Wirtschaftszeitung The Business.

In den Redaktionsräumen des Daily Telegraph in Londons Canary Wharf ist damit nach sieben Monaten ein wenig Ruhe eingekehrt. Damals gerieten der bisherige Besitzer Conrad Black und die von ihm kontrollierte kanadische Hollinger-Gruppe in finanzielle Not, weshalb Black versuchte, die Zeitungen quasi über Nacht zu verkaufen. Dann tauchten auch noch Vorwürfe auf, er habe sich sieben Millionen Pfund aus der Firmenkasse überwiesen, ohne es mit seinem Vorstand abzustimmen. Welch eine Anklage gegen einen Mann, der den Daily Telegraph im Jahr 1985 nicht zuletzt deshalb übernommen hatte, um soziale Anerkennung in England zu erwerben. Er wählte gut. Denn Zeitungsverlage sind immer noch mehr als schlichte Unternehmen, sie bilden die öffentliche Meinung ab und gestalten sie mit. Verleger können auf diese Weise leichter als andere zu einem beachteten Mitglied des politischen Establishments werden, was Black gelang und nicht zuletzt dazu führte, dass er im Jahr 2000 als Lord Black of Crossharbour ins britische Oberhaus einzog.

Doch die Ära des Verlegers Conrad Black ist in Großbritannien vorüber. Nachdem die Vorwürfe in der Welt waren, trat er von seinen Ämtern zurück, und die Hollinger-Gruppe verzichtete in ihrer finanziellen Bedrängnis auf weiteres publizistisches Renommee. Sie versuchte nur noch, den höchstmöglichen Preis für den Daily Telegraph zu erzielen.

Dafür wandte sie sich genau an den Richtigen: Bruce Wasserstein. Der New Yorker Bankenveteran hat seine eigene Investmentboutique im Jahr 2000 für 1,37 Milliarden Dollar an die Dresdner Bank verkauft und kurz darauf bei der viel vornehmeren Pariser Bank Lazard als neuer Chef angeheuert. "Biet-sie-hoch-Bruce" ist sein Spitzname im Gewerbe, und genau das taten er und sein Mann für diesen Deal in London, Managing Director Nicholas Schott, in den Verkaufsverhandlungen. So erzählen es Investmentbanker.

Die Schlacht wurde eingeläutet, als die Barclay-Brüder Conrad Black im vergangenen Jahr 260 Millionen Pfund für dessen Zeitungen boten, dann aber von einem amerikanischen Richter gestoppt wurden. Unterdessen traten andere mit Offerten zwischen 300 und 400 Millionen Pfund in den Ring. Wasserstein schaute wohlwollend zu, verkündete aber, das er bereits ein höheres Angebot erhalten habe. Es kam vom Axel Springer Verlag – dieser bot zunächst 500, später sogar 550 Millionen Pfund, Nicht nur, dass der Telegraph den internationalen Ambitionen des Verlages gut zu Gesicht gestanden hätte, auch in der Redaktion wurde Springers Interesse mit Wohlwollen verfolgt. "Von allen Anwärtern garantiert Springer sicher die größte journalistische Unabhängigkeit", hieß es damals.

Für Wasserstein und sein Team bei Lazard war aber noch mehr drin. Ihr Bestreben, den Preis zu treiben, erinnerte wieder einmal an jenen Gordon Gekko im Kinohit Wall Street, den Michael Douglas in den achtziger Jahren idealtypisch verkörperte. "Die Bieter wurden regelrecht gegeneinander ausgespielt", urteilt ein Analyst. So kletterte die gebotene Summe weiter, überstieg die 600-Millionen-Grenze und erreichte fast 700 Millionen Pfund.

Für Hollinger ist das schön, auch Wasserstein und seine Mitarbeiter dürfen mit einer anständigen Prämie rechnen. Innerhalb der Telegraph- Gruppe ist man dagegen besorgt. "550 Millionen Pfund war ein angemessener Preis", sagt ein leitender Mitarbeiter, "alles darüber ist schiere Eitelkeit." In den Redaktionen wird deshalb befürchtet, dass der Preis insofern ein Vorbote für kommende Einspa-rungen und Entlassungen ist.