Dancehall als Genre war lange kaum etwas anderes als die tropische Ausgabe des nordamerikanischen Gangsta-Rap: dieselben Stereotypen von männlicher Gewalt, dieselbe Frauenverachtung, derselbe plumpe Materialismus. Erst als sich die jamaikanische Jugend Ende der neunziger Jahre nach einer Musik sehnte, deren Botschaft über die Aufzählung von Automarken, Sexabenteuern und teuren Drogen hinausgehen würde, tauchten in den heimischen Dancehalls junge Männer mit hochgewickelten Turbanen auf. Sie zogen mit unerhörter Militanz gegen Korruption und Unterdrückung ins Feld, führten Bibelsprüche auf der Zunge und nannten sich Bobo Dreads. Ihre religiösen Überzeugungen rekrutierten sie aus der gleichnamigen Rastafari-Sekte, ihre Musik schloss das Erbe Bob Marleys mit den digitalisierten Dancehall-Rhythmen des Tages kurz.

Keiner von ihnen trägt seinen Turban exzentrischer als Sizzla: Der Singjay, so das jamaikanische Äquivalent für einen Sänger und Rapper, hat sich für sein neues Album Jah Knows Best (RAS/Sanctuary RZDCD 007) gleich mit drei verschiedenen Kopfbedeckungen fotografieren lassen - im Hintergrund ein Bild des letzten äthiopischen Kaisers und als Rastafari-Heiligen verehrten Haile Selassi. Für den Nachwuchsstar ist das Anknüpfen an die spirituellen Traditionen seines Landes eine Frage der Glaubwürdigkeit. Aufgewachsen im ärmlichen Bezirk von August Town, Kingston, und von gläubigen Rastafaris erzogen, tauschte er das bürgerliche Miguel Collins bald gegen seinen Nom de Guerre ein: Sizzla, zu Deutsch der Zischer und Brutzler. Eine Warnung vor den brennenden Episteln, die der Dancehall-Prediger gern mit einem interpunktierenden Fire Bu'n seiner Hörerschaft entgegenschleudert.

Auf Jah Knows Best jedoch zeigt Sizzla sich weniger als Geißel Gottes denn als Anwalt der Entrechteten. Seinen kantigen Beats unterfüttert er live eingespielte Roots-Reggae-Klänge, seine Botschaft scheint aus einer fernen Vergangenheit zu kommen. Wobei seine Sandpapierstimme nicht nur der verarmten Jugend Jamaikas Mut zusingt, sondern auch Respekt für die schwarzen Frauen einfordert.

Am überraschendsten jedoch bleibt die Annäherung des Singjays an den nordamerikanischen Protestsong - ein Schulterschluss über Milieu, Hautfarbe und religiöse Überzeugung hinweg, der wohl gerade deswegen merkwürdig berührt. Sizzlas Verfremdung von Bob Dylans Subterranean Homesick Blues jedenfalls swingt noch besser als das Original. Wen stört es da, wenn er den Text gelegentlich ein wenig zurechtbiegt: "As for those in the basement, Marijuana is the medicine ..."