Berlin

Die meisten aus der SPD-Fraktion duzt er noch immer, auch wenn Detlef Dietz von Berufs wegen pausenlos Streit mit ihnen hat. Seit 1968 ist Dietz Genosse, und als Büroleiter des früheren Sozialpolitikers Rudolf Dressler war er bei den großen Sozialreformen der vergangenen 30 Jahre immer dabei. Als die Volksparteien sich 1992 in Lahnstein auf eine große Gesundheitsreform verständigten, beriet er die damaligen Ministerpräsidenten von Hessen und Niedersachsen, Gerhard Schröder und Hans Eichel. Und mit Horst Seehofer, dem Verhandlungschef der Union, grillte er in den Pausen Koteletts.

Nur heute liegt Dietz mit fast allen über Kreuz. Er vertritt den Verband der Privaten Krankenversicherer (PKV) in Berlin und damit jene Unternehmen, deren Geschäftsfeld SPD und Grüne mit einer Bürgerversicherung beschränken wollen.

Das Verhältnis zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung sei "die entscheidende strategische Frage" bei der Neuordnung des Gesundheitswesens, sagt der frühere SPD-Generalsekretär Olaf Scholz. Die unterschiedliche Behandlung von Kassen- und Privatpatienten soll ein Ende haben. Also das, womit die Branche, die Dietz bezahlt, ihr Geld verdient.

Für den Sozialdemokraten ist das ein mühsames Geschäft, zumal auch die Union unangenehme Änderungen für die PKV plant und alle Parteien mit dem Thema in den Wahlkampf ziehen wollen. Vorläufig ist Dietz nur bei seiner Gewerkschaft ver.di ausgetreten, die ebenfalls eine Bürgerversicherung will. "Du sponserst mit deinen Beiträgen keine Organisation, die deinen Job wegrationalisieren will", hat er gedacht. In der SPD will er bleiben, dort wirbt er für das bestehende System. Manchmal grinsen frühere Kollegen, wenn ein Vortrag mit den Worten "liebe Genossinnen und Genossen" beginnt.

Der Versicherungsmann Dietz ist nicht der einzige Seitenwechsler im Kampf um die Zukunft des Gesundheitswesens. Ausgerechnet die wichtigsten Experten der großen Fraktionen hegen heftige Sympathien für das jeweils gegnerische Modell. Dabei sollte der Streit um Bürgerversicherung und Kopfpauschale eigentlich für klare Fronten sorgen: SPD und Grüne wollen den Ausbau, Schwarze und Gelbe die Überwindung des bisherigen Bismarckschen Solidarmodells.

Doch Horst Seehofer, Exgesundheitsminister und Fraktionsvize, hat der CDU in einem zwölfseitigen Thesenpapier sogar schriftlich gegeben, dass er ihr Kopfpauschalen-Konzept für einen "Sympathiekiller" hält und für eine "Politik, die ungedeckte Schecks für die Zukunft ausstellt". Die Sozialdemokratin Gudrun Schaich-Walch wiederum, als stellvertretende Fraktionsvorsitzende in gleicher Funktion wie Seehofer, hat ihre Kritik am SPD-Konzept dezenter, aber nicht weniger entschieden vorgetragen. Ihr wäre es am liebsten, die SPD würde sich vorerst nur auf allgemeine Zielvorstellungen festlegen. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hat ebenfalls Bedenken.