Am 4. Juni 2004, einem empfindlichen Datum für jeden ehrlichen Chinesen, der sich auch heute noch an die Geschehnisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor 15 Jahren erinnert, kam ich nach Shanghai – in eine Stadt, die ich 15 Jahre lang nicht mehr besucht hatte. Um die gewandelte Metropole aufs Neue kennen zu lernen, musste ich lange nach einem Anlass suchen und fand endlich einen: Gemeinsam mit einem Freund hat man mich zur Eröffnung des ersten Ferrari-Showrooms und einer Ferrari-Parade durch die Stadt eingeladen.

Am Flughafen steige ich in ein Taxi, wir fahren auf die Autobahn. Schon beim ersten Blick auf die neue City-Landschaft fliegt mir ein riesiges Werbeplakat ins Gesicht: "Von Paris nach Gubei – das Leben des ererbten Adels". Was heißt hier "Gubei"? Wahrscheinlich der Name eines neuen Komplexes von Luxuswohnungen. Aber was ist mit dem "ererbten Adel aus Paris" gemeint? Wurden die französischen Adelstitel nicht in der Napoleon-Zeit neu verliehen? Von damals bis heute sind es nur 200 Jahre, viel zu wenig, um von einem "ererbten Adel" zu reden. Oder gibt es vielleicht ein paar "ererbte Adlige", die im Jahre 1789 nicht geköpft und nun von den Shanghaier Immobilienhändlern wiedergefunden wurden? Jedenfalls ist die historische Phase, in der "Adel" ein Schimpfwort für Neureiche war, offenbar abgeschlossen.

Geld hat insofern seine positive Wirkung. Jeder Mensch weiß das. Aber Geld kann die Menschen auch dumm machen, wie zum Beispiel diesen Werber, der den "ererbten Adel" schicker findet als den neuen. Glaubt er denn wirklich, dass sich mit Geld sogar ein Erbe erwerben lässt?

Mein armes Kulturland China!

Nach Erreichen der Innenstadt suche ich die symbolischen Bauwerke, die ich kenne, ohne die ich die Stadt nicht mehr wiedererkennen würde. Leider ohne Erfolg. Wie die meisten Städte in China hat auch Shanghai seine Einzigartigkeit verloren. Lauter emporragende Zementriesen, genau wie in Peking. Ich bringe es nicht übers Herz, sie Häuser zu nennen.

Der nächste Tag. Die Sonne strahlt herrlich. 80 Ferrari-Renner, welche die so genannte Parade bildeten, rollen brummend durch Shanghai. Vor ihnen macht ein Polizeiwagen mit Blaulicht den Weg frei. Ich sitze in einem der Luxusbusse, die den Ferraris folgen. Endlich finde ich Zeit, mir die Stadt richtig anzusehen. Langsam kommt in mir wieder hoch, was mich die Partei in der Schule über Shanghai als Hort des Kolonialismus gelehrte hatte: "Zehn Meilen langes Konzessionsgebiet", "Abenteuer-Paradies" und so weiter und so fort. Nicht nur die Wolkenkratzer, Cafés und Tanzlokale auf beiden Straßenseiten erinnern mich daran. Da vorne fahren ja noch die Ferraris!

Als die Autos endlich auf den Platz vor dem Shanghai Marriott Hotel zur Präsentation abgestellt werden, ist es bereits Mittag. Das Sonnenlicht blendet die Augen. Journalisten drängen sich zum Fotografieren. Kleine Kinder laufen ihnen hinterher, um sie nach der roten Ferrari-Mütze in der gerade vom Gastgeber verteilten Prospekte-Tüte zu fragen.

Die stolzen Besitzer der Ferraris schreiten mit erhobenem Haupt ins Hotel. Kaum sind sie den Blicken entschwunden, stürmt eine Menge junger Sicherheitsburschen, offenbar Bauernsöhne vom Land, zu den Autos, um sie vor der Berührung der drängelnden Schaulustigen zu schützen. Aus der Menge leuchten gierige Blicke, die nach dem "neuen Lebensstil" Ausschau halten. Eine leichte Fingerberührung mit der Ferrari-Karosse, dann erst wendet man sich wieder ab.