Was haben philippinische Krankenschwestern in Großbritannien, polnische Fleischer in Irland und indische IT-Experten in Deutschland gemeinsam? Sie alle werden in der Europäischen Union als Arbeitskräfte dringend benötigt. Sie sind Beispiele für einen sich in den Industrieländern verschärfenden Wettbewerb um die knappe Ressource Humankapital. Auslöser ist unter anderem die demografische Entwicklung. Alleine Deutschland müsste zur Stabilisierung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter jährlich 450000 Personen aufnehmen.

Natürlich ist Einwanderung kein Allheilmittel zur Abfederung der Bevölkerungsentwicklung und versäumter Arbeitsmarktreformen. Sie ist jedoch ein wichtiger Baustein, um die Wettbewerbsfähigkeit nicht nur Deutschlands, sondern der EU insgesamt sicherzustellen. Mit der Lissabon-Agenda haben sich die europäischen Staats- und Regierungschefs zum Ziel gesetzt, die Union bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Standort der Welt auszubauen. Die Agenda reicht von fiskal- bis zu bildungspolitischen Maßnahmen; der Bereich der Einwanderungspolitik wird aber fast gänzlich ausgeklammert. Wettbewerbsfähigkeit kann im 21. Jahrhundert jedoch nicht mehr ausschließlich über die klassischen Faktoren definiert werden, sondern muss auch die Frage des transparenten und effizienten Managements der Arbeitsmärkte für Einwanderer einschließen.

Die wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandorte der Zukunft werden sich ganz entscheidend über ihre Attraktivität für Arbeitskräfte definieren. Die Mehrheit der europäischen Staaten konzentriert sich gegenwärtig jedoch immer noch stärker auf die Abschottung ihrer Arbeitsmärkte anstatt auf ihre Öffnung. Die Erweiterung der EU hat diesen Trend sogar noch einmal verstärkt. Das apokalyptische Bild von Massenmigration setzt die Politik unter Druck. Ergebnis sind Regelungen, die einen Spagat versuchen zwischen populistischer Anbiederung und Schutz der nationalen Arbeitsmärkte auf der einen Seite, effizientem Migrationsmanagement auf der anderen Seite. Aktuell spiegelt dies der Kompromiss zum deutschen Zuwanderungsgesetz wider.

Deutschland hat erste Erfahrungen bei der Steuerung von Einwanderung mit der Einführung der Green Card für IT-Experten im Jahr 2000 gesammelt. Dieses für die Bundesrepublik bislang einmalige Konzept hat für einen klar definierbaren Wirtschaftszweig gezeigt, dass Arbeitsmigration steuerbar ist. Eine zweite, ebenso wichtige Botschaft wurde jedoch weitgehend übersehen: Deutschland ist als Arbeitsmarkt nur begrenzt attraktiv. Das durchaus bescheidene Kontingent von 20000 Green Cards wurde mit mittlerweile 16548 vergebenen Arbeitsberechtigungen nicht einmal ausgeschöpft. Nicht nur Deutschland, fast alle europäischen Staaten konkurrieren seit Jahren mit anderen Ländern dieser Welt, allen voran die USA und Kanada, um Arbeitskräfte. Höhere Löhne, geringere sprachliche Barrieren sowie klare Integrationsperspektiven führen in den meisten Fällen zu einer Entscheidung gegen Europa.

Eine EU, in der sich die nationalen Märkte immer stärker verzahnen und in der Wettbewerbspolitik und Unternehmenspolitik ganz entscheidend von Brüssel aus mitgestaltet werden, muss auch den Bereich der Migration gemeinsam regeln. Die Union hat Jahrzehnte darauf hingearbeitet, einen Gemeinsamen Markt für Güter und Dienstleistungen zu etablieren. Sie leistet sich jedoch in der Einwanderungspolitik 25 verschiedene nationale Politiken. Die Kosten hierfür sind hoch. Europa läuft Gefahr, den Wettbewerb um Arbeitskräfte zu verlieren.

Für Arbeitnehmer aus Drittstaaten müssen daher transparente und effiziente Regelungen aufgestellt werden, die auch die Frage des Familiennachzuges einheitlich definieren. Denn die EU ist ein Aus- und ein Einwanderungskontinent zugleich. Sie wird in Zukunft sogar stärker als bislang auf Zuwanderer angewiesen sein. Neben quantitativen Faktoren muss sich die Einwanderungspolitik deshalb in Zukunft verstärkt durch die Berücksichtigung von qualitativen Zielen auszeichnen. Diese Ziele müssen sich an der Akzeptanz von Einwanderern in der Bevölkerung des Gastlandes und der Verfügbarkeit von Finanzmitteln für Integrationsmaßnahmen ausrichten. Nur so kann gewährleistet werden, dass aus der Steuerung der Einwanderung weit mehr wird als eine rein quantitative Beurteilung des Arbeitskräftebedarfs. Eine erfolgreiche Einwanderungspolitik muss in der Lage sein, das gesellschaftliche Konfliktpotenzial auszuloten, und die Integrationsfähigkeit der Gesellschaft als zentrales Parameter definieren.

Einwanderungspolitik ist zu einem der entscheidenden Wettbewerbsfaktoren im 21. Jahrhundert geworden. Es gibt keine Alternative zu einem einheitlichen europäischen Einwanderungsgesetz – es sei denn, die Europäer ziehen einen Platz in der zweiten Liga der Wirtschaftsstandorte der Welt einem der Spitzenplätze vor.