In der Historie ereigne sich alles zweimal, meinte einst ein großer deutscher Denker: einmal als Tragödie und einmal als Farce. In der Geschichte des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung aber geht es auch bei den Farcen nicht ohne Wiederholung ab. Zum zweiten Mal binnen Jahresfrist wird sein Direktor beschuldigt, er fördere eine vom Verfassungsschutz beobachtete, totalitär strukturierte Psychosekte.

Als der Religionshistoriker Gerhard Besier vor knapp einem Jahr die Leitung des von inneren Querelen ausgezehrten Instituts übernahm, geschah das in der Erwartung, dieses könne sich nun endlich auf seine wissenschaftlichen Aufgaben konzentrieren. Der Artikel eines Institutsmitarbeiters, der dem Hitler-Attentäter Johann Elser die moralische Legitimation zum Tyrannenmord absprach, und den der damalige Direktor Klaus-Dietmar Henke für institutsschädigend hielt, hatte 2000 heftige interne Auseinandersetzungen ausgelöst. Sie endeten mit der Entlassung des SPD-nahen Henke durch das konservativ dominierte Kuratorium.

Doch kaum im Amt, sorgte der neue Hoffnungsträger seinerseits für wissenschaftsferne Turbulenzen. Im September vergangenen Jahres trat Besier bei der Feier zur Eröffnung des Europäischen Büros der Scientology Church in Brüssel auf und bescheinigte der obskuren Pseudokirche, sie stehe "in der ersten Reihe derjenigen, die für die Akzeptanz von religiösem Pluralismus kämpfen" – "ein Fehler", wie er inzwischen zugibt. Die öffentliche Aufregung war groß, vor allem unter sächsischen CDU-Politikern, die das Hannah-Arendt-Institut seit seiner Gründung 1993 als ihrer besonderen Fürsorgepflicht bedürftig betrachten.

Besier, der für seine Studie über die Verstrickungen der evangelischen Kirche der DDR in das SED-System nicht zuletzt von Helmut Kohl hoch gelobt worden war, entpuppte sich zum Entsetzen der Christdemokraten als streitbarer Antiklerikaler und Kritiker des für seinen Geschmack zu großen Einflusses der christlichen Kirchen auf Staat und öffentliche Meinung. Obwohl Besier darauf beharrte, Scientology werde von christlichen Sektenbeauftragten "dämonisiert", um den amtskirchlichen Monopolanspruch auf das Seelenheil zu befestigen, versprach er dem aufgeschreckten Kuratorium, sein Engagement für die angeblich Entrechteten mit sofortiger Wirkung einzustellen.

Doch nun soll er’s wieder getan haben. Die von ihm mit herausgegebene Zeitschrift Religion – Staat – Gesellschaft widmet ihre neueste Ausgabe der Kritik an einer von der bayerischen Landesregierung in Auftrag gegebenen und 2002 publizierten Studie, in der Scientology als ein religiös getarntes Gehirnwäsche- und Geldschneideunternehmen disqualifiziert wird. Da im Impressum der Zeitschrift das Hannah-Arendt-Institut als Kontaktadresse aufgeführt ist, kam der Verdacht auf, Besier habe nicht nur sein Versprechen gebrochen, sondern auch Mittel des Instituts für seinen bizarren Freiheitsfeldzug zweckentfremdet. Die Sektenbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion fordert gar seine Ablösung als Institutsdirektor.

Aber daraus wird wohl nichts. Besier weist alle Vorwürfe als "absurd" zurück. Die Beschäftigung mit Scientology sei für ihn ein längst abgeschlossenes Kapitel. Er selbst habe gar keinen Beitrag für das vor langer Zeit konzipierte Heft geschrieben, Redigierarbeiten habe er "in seiner Freizeit" geleistet. Vehement bestreitet er eine geistige Nähe zu den Scientologen. Ihm sei es bei seinem Einsatz für sie nur um "rechtsstaatliche Prinzipien" gegangen: Den christlichen Amtskirchen stehe es nicht zu, darüber zu befinden, welche andere Religionsgemeinschaft als solche anerkannt werden und welche als Sekten diffamiert werden dürften.

Besier sieht sich als Opfer einer inszenierten "Skandalisierung" – ein Begriff, den zuvor die konservativen Gegner Henkes gebraucht hatten, um die öffentliche Kritik an den merkwürdigen Umständen von dessen Entlassung abzuwehren. Besier findet sich nun seinerseits in einer ähnlichen Situation wieder wie einst Henke – als von einflussreichen CDU-Leuten ungeliebter Chef in deren Lieblingsinstitut. Und, oh Wunder, er genießt dafür die Rückendeckung von Sachsens PDS und SPD.