Die Trümmer des inguschetischen Innenministeriums brannten noch, da verkündete ein Polizeioberst: "Alle Versuche der bewaffneten Gruppen, die Grenze nach Tschetschenien zu überschreiten, werden in härtester Form verhindert." Die Effektivität der Sicherheitskräfte sollte nicht infrage stehen, nachdem tschetschenische Rebellen am vergangenen Dienstag in Inguschetien ein Blutbad mit mehr als 70 Toten angerichtet hatten. Nach Beteuerungen Moskaus ist der Frieden in Tschetschenien schon lange wieder hergestellt: Abgesehen von mindestens 235 Einwohnern, die nach Informationen der Menschenrechtsorganisation Memorial in diesem Jahr getötet oder entführt wurden.

In Inguschetien, der muslimischen Nachbarrepublik, griffen die Kämpfer fast zeitgleich das Innenministerium, einen Stützpunkt der Grenztruppen, Waffenlager und Polizeistationen an. Die tschetschenischen Krieger sind eine Mischung aus Freiheitskämpfern, islamistischen Kreuzzüglern, Bluträchern und Söldnern. Das Vokabular eines ihrer Feldherren, Schamil Bassajew, gipfelt in "Zerbomben, Vergiften und In-Brand-Setzen". Gleichzeitig fehlt es nicht an Übergriffen der russischen Armee: "Säuberungsaktionen" in inguschetischen Flüchtlingslagern, bei denen uniformierte Einheiten junge Männer verschleppten, blieben ungesühnt. Als Soldaten von einem Panzerwagen schossen und einen 16-Jährigen am Bein verletzten, konnte nicht einmal die Nummer des Armeefahrzeugs die Militärstaatsanwälte zu einer Ermittlung motivieren. Menschenrechtsorganisationen vermuten, dass derartige Gewaltakte tschetschenische Flüchtlinge nach Hause zurücktreiben sollten. Tatsächlich wurde das letzte Camp inzwischen aufgelöst.

Präsident Wladimir Putin ist einst aus dem Dreck und Blut des Tschetschenienkrieges zum Hoffnungszaren aufgestiegen. Doch es gelingt ihm nicht, sich politisch reinzuwaschen. Moskau vertraut auf das Argument der Kugel und den Schein der Friedensfassade. Der vom Kreml aufgepfropfte tschetschenische Präsident Achmed Kadyrow kam am 9. Mai bei einem Bombenanschlag ums Leben. Seinen Nachfolger, Tschetscheniens Innenminister Alu Alchanow, hat Putin in einer persönlichen Neuwahl bereits vor einer Woche bestimmt. Ende August darf ihn das tschetschenische Volk in der Präsidentschaftswahl bestätigen. Johannes Voswinkel