Sitten und Gebräuche Spucken lernen

Was uns Francesco Totti mitgeben will

Diese EM hat selbst Fußballverächtern etwas zu bieten. Vorrundenspiel Italien–Dänemark, 48.Minute: Francesco Totti spuckt seinem Gegenspieler Christian Poulsen dreimal ins Gesicht. »Da habt ihr’s«, sagten daraufhin die Verächter. »Ihr bejubelt einen herausgeputzten Neandertaler, der seine Gemütsregungen auf primitivste und unsportlichste Art äußert.« Aber das stimmt nicht.

Zunächst ist festzuhalten, dass gewohnheitsmäßiges Spucken keineswegs zu den natürlichen Bedürfnissen zählt. Die meisten Tiere tun es nicht. Auch unter Menschen scheint die Anlage dazu nur schwach ausgeprägt. Soziale und kulturelle Räume mit hoher Spucktätigkeit konstituieren sich nicht dadurch, dass dort jeder spuckte, sondern durch die stärkere Aktivität weniger Vielspucker. Der Ungeübte brächte Tottis Dreifachattacke wohl gar nicht zuwege. Spucken scheint also eine Gewohnheit zu sein, die sich erst durch ihre Ausübung vertieft.

Warum also lernt jemand spucken? Wir müssen nicht Freud bemühen, um zu erkennen, dass der Trieb in der Kindheit entsteht. Das Spucken von der Brücke als Höhenmesser, das Kirschkernspucken als Geschicklichkeitstest – diese einfachen Freuden begleiten manchen bis ins Alter. Auf Weinverkostungen trifft man Spezialisten, die ihre Proben nach kurzem Gurgeln zielgenau in einen um Armeslänge entfernten Ausgießbehälter spritzen lassen, was als Zeichen professioneller Routine beifällig aufgenommen wird.

Der nächste Schritt in der Spuckerziehung ist die Würdigung des Speichels. Da er aus dem Mund kommt, in den bekanntlich nichts Schmutziges gelangen soll, gilt er als vergleichsweise sauber. Mutti wischt ihrem Kleinen mit Spucke den Mund ab. Opa blättert mit befeuchtetem Finger sein Buch um. Und alle lecken Briefmarken.

Freilich ist dem Menschen die Produktivität seines Körpers auch peinlich. Er weiß nicht erst seit der Erfindung des Speicheltests, dass Spucke, so großzügig man sie auch teilt, etwas Persönliches und mithin für andere Abstoßendes bleibt. Deswegen wohl spucken in Filmen die Anführer der Jugendgangs immer auf den Boden, ehe die Schlägerei beginnt: Sie markieren ihr Revier. »Jemandem in die Suppe spucken«, sagt auch der Volksmund. Und das ist mehr als »jemandem die Suppe versalzen«. Denn man macht sie nicht ungenießbar. Man reklamiert sie nur für sich, indem man schon einmal mit dem Verdauen beginnt.

Die Einsicht, dass Spucken ein aggressiver Akt ist, wird flankiert von der medizinischen Erkenntnis, dass Speichel doch nicht so sauber ist. Er überträgt Krankheiten. So etablierte sich in Europa die Anstandsregel, nur auf neutralen, ohnehin schmutzigen Boden zu spucken, von Menschen so weit wie nur möglich entfernt. Die Geläufigkeit dieser Regel ist paradoxerweise der Grund für Tottis Spucken. Ihn trieb nicht die Freude an der Körperbeherrschung, nicht der Wunsch, den Gegner in Besitz zu nehmen oder gar zu infizieren. Er wollte ihm nur, des Dänischen sicher nicht mächtig, eine Botschaft übermitteln: »Du bist kein Mensch von Anstand. Darum kann ich ohne Scham in deiner Gegenwart spucken. Und du bist wertlos – wertloser noch als der Rasen, auf den du deine Füße setzt. Ich bespucke dich, um ihn zu schonen.«

Sicher, das war nicht nett, und Tottis Sperre ist verdient. Doch den Respekt sollte man ihm darum nicht versagen. Denn er hat seinen Unmut im Geist seiner Sportart bekundet: als eine komplexe Form symbolischer Gewalt.

Michael Allmaier

 
  • Serie sitten und gebraeuche
  • Quelle (c) DIE ZEIT 24.06.2004 Nr.27
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  • Schlagworte Europameisterschaft | Fußball
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